Siedlung nahe des Thingvellir.

Leseprobe

Der Schweiß brannte ihm in den Augen und klebte in seinem Gesicht. Er wischte sich zum x-ten Mal über die Stirn. Frust und Trotz kämpften in seiner Brust, denn er hatte sich viel vorgenommen. Vielleicht zu viel? Seit annähernd drei Stunden hob er, mit Spitzhacke und Spaten bewaffnet, ein Erdloch aus. Das war inzwischen mehr als groß genug, um darin einen Menschen zu bestatten. Doch diese Größe reichte ihm noch nicht aus. In dem geplanten Erdloch konnten gleich mehrere Menschen ihre letzte Ruhestätte finden.
Verbissen verdrängte er den Gedanken, es für heute gut sein zu lassen. Es war ein sehr warmer Augusttag, doch die Flamme in seinem Inneren loderte heiß. Widerspenstig stieß er umso fester mit dem Spaten in die lehmige Erde.
Plopp
Der Hieb prallte an etwas ab.
„So ein Mist aber auch“, fluchte er, beugte sich nach vorn. Er griff nach etwas Rundlichem und…blickte in schockierend schwarze Höhlen. Angeekelt warf er das Fundstück in hohem Bogen weit durch den Vorgarten. Es verfehlte das „Zielgebiet Erdhaufen“, rollte über das Stück Rasen. Dann kullerte es gegen den Zaun und blieb dort aufrecht liegen, die Augenhöhlen zum Gehweg gerichtet.
„Morje“, sagte die alte Frau Schaubruch, die dort schier in diesem Moment ging. Und sie beschleunigte beim Anblick des Fundes kommentarlos verblüffend ihre Schrittgeschwindigkeit.
„Was zur Hölle…?“ Er erkannte im Erdloch Teile vom Unterkiefer des zuvor weggeschleuderten menschlichen Schädels. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken runter. Flugs verließ er die Grube, zog die schmutzigen Schuhe aus, ging zum Telefon und wählte die altbekannte Nummer.
„Kelchbrunner hier“ Ich bräuchte bei mir mal Rechtsmedizin und SPUSI. Ich hab grad was gefunden, was definitiv nicht in meinen Garten gehört.“

Es dauerte nicht lange und die Kollegen standen vor der Tür. Heinz Kelchbrunner hatte die Zeit genutzt, um sich gründlich die Hände zu waschen. Das hieß, er wusch sie noch immer, als die Kollegen ankamen. Beim Blick in den Spiegel entdeckte er lehmige Erde, die an den Stoppeln seines Dreitagebartes klebte und wusch sich das Gesicht. Irgendwie wirkte sein Haar heute noch graumelierter als sonst.
Dann ging er in den Garten und sah, wie der Rechtsmediziner Kunze den gefundenen Totenkopf bereits inspizierte.
„Und?“
„Hm… Warten Sie, lassen Sie mich nochmal schauen.“
Er begutachtete den Fund von allen Seiten.
„Also, wenn mich nicht alles täuscht, würde ich sagen, er ist tot.“
„Nein, das ist ja brillant. Ich wusste schon immer, dass Sie ein Genie sind.“
Kunze hob den Zeigefinger. „Das heißt, ganz so klar ist das jetzt nicht.“
„Ich will Ihnen ja nicht den Tag versauen, aber ein Totenschädel lebt nicht mehr, wie der Name schon sagt.“
Kunze verdrehte die Augen. „Es ist nicht klar, ob der Schädel von einem Er oder einer Sie stammt.“
„Tja, dann sollten wir einfach mal weitergraben. Vielleicht finden wir eine Handtasche und dann wissen wir Bescheid.“
Kunze strich durch seinen dicken, schwarzen Schnauzbart. Bisher hatte er nur ein einziges Mal über Kelchbrunner geschmunzelt. Und das war, als dieser bei Eis und Schnee ordentlich auf den Hintern gefallen war. Über einen seiner Witze zu lachen – diese Genugtuung wollte er ihm nicht geben.
„Die SPUSI wird weitergraben müssen. Aber ich hab schon immer geahnt, dass Sie eine Leiche im Keller haben.“
„Was heißt denn hier eine? Das sind gleich mehrere. Und wissen Sie, was die alle gemeinsam haben? Es waren Rechtsmediziner, die glaubten, dumme Sprüche loswerden zu müssen.“
„Ja, ja, ja…“ Kunze schlurfte unbeeindruckt davon.
„Wenn die SPUSI schon mal beim Graben ist, kann sie gerne die Form des Teiches noch ein bisschen mehr rausarbeiten. Willi wird sich freuen.“
„Was träumt der denn nachts?!“, rief ein Kollege der SPUSI, die gerade eingetroffen war. Bei näherem Hinsehen wollte es keiner von ihnen gewesen sein. Allerdings drehte Kunze um und ging zurück zum Kommissar. „Der ist ja richtig gut angekommen! Also, ich glaub, ich kann mir die weiteren Untersuchungen sparen. Ich hab die Todesursache schon herausgefunden.“ Er streckte Kelchbrunner den Totenschädel entgegen. „Ich glaube, Sie haben einen Witz erzählt, und er hat sich totgelacht!“
„Suchen Sie erst mal nach der Handtasche, ehe Sie Hypothesen aufstellen!“

 

Ein neuerlicher Donnerhall ließ die Luft erbeben. Wie elektrisiert beschleunigte sie ihren Schritt. Etwas war nicht koscher hier draußen. Sie spürte es, Hati spürte es. Ja, selbst das Licht schien es zu fühlen, wandte es sich doch von der Szenerie ab. Es wurde stockdüster.
In Nackenheim waren die Gewitter besonders schlimm. Die Einheimischen prophezeiten regelmäßig, dass Rhein-Gewitter die schlimmsten seien. Und dem war meist auch so. Sie zogen am Lauf des Flusses entlang und tobten sich heftig aus.
Doch es war nicht nur das Wetter, das sie ängstigte. Sie hatte das Gefühl verfolgt zu werden. Nicht nur jetzt im Moment, während sie mit ihrem Hund Gassi ging. Auch gestern und vorgestern war es ihr so vorgekommen, als beschatte man sie. Dabei hatte sie diesen Schatten ihre Position bereits unmissverständlich klargemacht. Was wollten sie noch von ihr? Ihre Entscheidung stand so fest wie die Felsen des Thingvellir.
In jedem Strauch, hinter jedem Baumstamm und jeder Hecke raschelte es. Sie ging immer schneller. Es war nicht mehr weit, und sie würde diesen unheimlichen Ort hinter sich lassen, den großen Walnussbaum nur noch als weit entfernten Schatten wahrnehmen. Die Bäume wogen ihre Äste im Sturm, und ihr Blattwerk rauschte bedrohlich.
„Ja, mein Schatz… Gleich sind wir zu Hause. Dann gibt’s Happie, Happie.“
Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich schon ihre Wohnung betreten, eine Tasse Kaffee aufbrühen und ihrem Hund das Schälchen Futter vor die Nase stellen.
Doch ein Krachen stahl ihr gänzlich die Aufmerksamkeit, sie wirbelte herum und sah im Augenwinkel einen Ast, der bedrohlich schnell auf ihren Kopf zuraste. Ein Ausweichen war unmöglich. Der Treffer ließ sie taumeln, und sie spürte, wie sie in eine Pfütze fiel. Es wurde dunkel, wurde schwarz…

 

„Die Kollegen sind noch fleißig bei der Arbeit?“, fragte der gerade eingetretene Dr. Bächlein.
Juvanic versuchte, ihr fellknäueliges Geheimnis mit dem Fuß unter den Schreibtisch zu schieben. Doch Bächlein hatte den Mops bereits entdeckt.
„Ich dachte, ich hätte mich deutlich genug ausgedrückt…“
„Er…er“, begann Juvanic, und Kelchbrunner vollendete:„Er kann eventuell zur Aufklärung des Mordfalls beitragen.“
„Bitte was? Haben Sie ihn befragt, den Hund?“
„Nein, es ist nur so, dass diese Textilfaser, die er hervorgewürgt hat, aus Wolle gewebt wurde, die aus Island stammt.“
„Und da dachten Sie, der Herr Bächlein kommt bestimmt wieder vorbei und fängt ein Beweismittel auf?“
Juvanic platzte ein Lachen heraus, ihr Gegenüber fand es weniger lustig.
„Frau Juvanic, ich erwarte, dass Sie eine andere Lösung finden. So geht das nicht!“
Sie nickte knapp und ihr Lächeln verschwand.
„Aber wo wir gerade vom aktuellen Fall sprechen. Kommen Sie bitte mit mir?“
Sie folgten ihrem Vorgesetzten, und der wollte einen vollständigen Bericht.
Nachdem er diesen erhalten hatte, stand er auf, bewegte sich zum Fenster, goss seinen Bonsaibaum und beobachtete die Natur.
„Schön, nicht wahr?“
„Was?“, fragte Kelchbrunner.
„Na das! Grün! Alles grünt. Dort draußen tobt das Leben, und wir müssen uns hier mit dem Tod auseinandersetzen. Aber ohne den hätten wir auch nichts zu tun…“ Bächlein sah in fragende Gesichter, räusperte sich, stellte etwas ungehalten die Gießkanne auf die Fensterbank und trat zurück an seinen Schreibtisch.
„Kelchbrunner, haben Sie Flugangst?“
„Nein“
„Gut! Wissen Sie, dass Island immer mal wieder als potentieller Beitrittskandidat für die Europäische Union gilt?“
„Ja…?“
„Dann ist ja gut.“
Bächlein sah stumm auf den Bildschirm. Anfangs schien es so, als wolle er zu einem großen philosophischen Vortrag ausholen. Stattdessen sagte er nur: „Sonntag, vierzehn Uhr!“
„Und was soll da sein?“
„Das ist die Überraschung: Sie machen einen Trip nach Reykjavik!“

Er blieb noch einen Moment stehen und versuchte, die Gedanken zu ordnen, sah nachdenklich zum grauen Himmel, aus dem vereinzelte, dicke Regentropfen fielen.
„Oh, Sie kommen aus Deutschland?“, fragte ein grauhaariger, dürrer Mann. „Ich hab’s gerade gehört, als Sie telefonierten.“
Kommissar Kelchbrunner war erleichtert, mal kein Isländisch zu hören.
„Ja, ich komme aus Deutschland.“
„Dann sind Sie dieser Kommissar?“
„Woher wissen Sie das denn?“
„Ich wohne schon länger hier und kenne den Besitzer Ihres Gasthauses. Sie sind momentan Stadtgespräch Nummer eins. Ich bin der Herr Jacob.“
„Mein Name ist…“
„Kelchbrunner, ich weiß.“, lachte Jacob und sah sich kurz um. Dann deutete er zu einem kleinen Café. „Haben Sie vielleicht Lust, ein bisschen zu quatschen? Schließlich sieht man hier nur selten einen Deutschen. Und das Wetter ist auch nicht sehr einladend. Ich kann Ihnen sagen: Es wird gleich heftig regnen.“
„Okay, ich hab ein bisschen Zeit. Und Lust hab ich in jedem Fall.“
Sie gingen ins Café und schon begann es wie aus Kübeln zu regnen.
„Also ich kann Ihnen die Fjallagrös-mjólk empfehlen.“, sprach Jacob, als sie Platz genommen hatten. Dabei handelte es sich nach seiner Aussage um Milch, die mit einigen Stückchen Islandmoos aufgekocht und mit Salz und Zucker abgeschmeckt wurde. Kelchbrunner nahm den Tipp an und der Geschmack erinnerte irgendwie an heiße Milch mit Tannenhonig. Nur das Salz tat dieser Geschmacksrichtung einen Abbruch und schuf eine gänzlich neue.
Jacob schlürfte an einem Fjallagrös-Te, einem Tee aus Isländisch Moos.
„Sie können sich nicht vorstellen, wie oft man hier eine Erkältung bekommt, wenn man das Wetter nicht gewohnt ist. Hier ist es nicht nur im Winter nasskalt. Auch im Frühjahr und Herbst ist es relativ feucht. Und manchmal auch im Sommer… Da hat mich dieses Moos schon oft gerettet. Es hilft hervorragend, wenn man es schon beim ersten Kratzen im Hals nimmt.“
„In Deutschland gibt’s auch diese Pastillen. Die sind ganz gut. Aber mal was anderes: Wenn Sie schon so viel über mich wissen: Was hat Sie denn eigentlich hier her verschlagen?“
„Ja, das hab ich mich auch anfangs gefragt.“ Jacob sah für einen Moment nachdenklich aus dem Fenster, gegen das die Regentropfen hämmerten „Aber heute müsste ich mich eigentlich fragen, warum es mich nicht schon viel früher hier her verschlagen hat.“
„Wirklich?“
„Ja, schauen Sie sich doch um. Die Weite, die Stille, die Natur. Und der trotzige Kampf der Bewohner gegen die Widrigkeiten, die einem die Natur in den Weg wirft. Das macht den Reiz der Insel aus. Wie ist es in Good Old Germany? Immer noch so hektisch und fremd?“
„Hektisch ja, das hat sich nicht geändert. Das ist eher noch schlimmer geworden. Aber fremd?“
„Na ja. Ganz früher, als ich noch Kind war, haben die Leute aufeinander aufgepasst und sich geholfen. Und heute ist man noch nicht mal mehr in der Lage, einem Mann mit Gipsbein zu helfen, dem der Haustürschlüssel runtergefallen ist. Man ist nicht mehr fähig, einem Menschen, der hinter einem geht, die Tür aufzuhalten, sondern knallt sie ihm vor der Nase zu. Und man kann nicht mal einen Arzt rufen, wenn eine Frau bewusstlos am Straßenrand liegt.“
Hinter dem letzten Satz schien eine bittere Erfahrung zu stecken.
„Henriette, meine Frau. Sie hatte eine Herzattacke und war mitten in der Einkaufsstraße umgefallen. Alle gafften, aber keiner tat was. Bis ihr jemand half, war es schon zu spät. Sie starb noch auf der Fahrt in die Klinik.“
Jacob sah wieder einen Moment lang aus dem Fenster, wo das Trommeln der Regentropfen aufgehört hatte und es nur noch nieselte.
„Na ja, jedenfalls hat es mich dann hier her verschlagen. Ich fand Island schon immer schön, meine Frau auch. Und ich hab es bereut, nicht schon früher hier her gekommen zu sein. Wir haben hier vor vielleicht 15 Jahren einmal Urlaub gemacht und meine Frau hatte den Traum, irgendwann hier her auszuwandern. Ich hab mir das nicht vorstellen können. Also haben wir uns als Kompromiss vorgenommen, später, wenn wir beide in Rente sind, öfters in Island Urlaub zu machen. Dieses später war dann zu spät. Das Leben ist einfach zu kurz für Kompromisse!“
Er räusperte sich und schlürfte Tee.
„Entschuldigen Sie, aber bei dem Wetter werd ich immer so sentimental.“
„Kein Problem. Ich kann das gut nachvollziehen…“ Kelchbrunner zögerte einen Moment. „Ich hab vor kurzem meinen Neffen verloren. Er war 11 Jahre alt und hatte Leukämie.“
„Oh, ein so junges Leben. Das tut mir leid!“
„Es beschäftigt mich immer noch.“
„Das glaub ich Ihnen. Damals hatte ich Wut auf die ganze Welt. Ich hasste die Menschen dafür, dass sie meine Frau nicht gerettet hatten. Oh, wie hasste ich sie! Und ich wollte einfach nur weg aus diesem egoistischen Land. Ich bin aufgebrochen und wollte mir ein neues Leben aufbauen, ein zweites hier in Island. Anfangs war es wirklich schwer, bis ich merkte, dass die Leute hier noch recht hilfsbereit und vor allem herzlich sind. Die Isländer sind wirklich ein freundliches Völkchen. Manchmal etwas distanziert, aber freundlich in ihrem Wesen. Zumindest hier im Osten gibt es noch dieses Zusammengehörigkeitsgefühl. Da schützt jeder den anderen. Hier müssen sich ja auch alle aufeinander verlassen können.“
Kelchbrunner konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
„Dann hab ich bisher aber nur die Ausnahmen getroffen. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass die Isländer alles sind, außer freundlich. Gut, ich bin noch nicht so lange hier, aber ich spüre bei fast jedem eine extreme Ablehnung.“
„Na ja, wundern brauchen Sie sich da nicht!“
„Ach ja?“
„Ja, sie lassen sich halt nicht gerne ins Handwerk pfuschen, die Isländer.“
„Wie meinen Sie das denn jetzt?“
„Na Sie ermitteln doch in dieser Sache wegen des Staudammes. Ich glaub, die ganze Stadt weiß das. Es hat sich herumgesprochen wie ein Lauffeuer, dass diese Frau, gebürtig aus Sellfoss, in Deutschland ermordet wurde und dass ein deutscher Kommissar hier her kommen wird. Und dass sich die Deutschen aber auch überall einmischen müssen… Ja, das spricht sich alles schneller rum, als die Polizei erlaubt.“
„Wissen Sie auch, dass der alte Thorsteinsson mit ihr in Kontakt stand?“
„Natürlich!“
„Also Zusammenhalt herrscht hier wirklich. Das muss man schon sagen…“
Jónsson und der Postbeamte hatten also von Anfang an ganz genau gewusst, dass es Thorsteinsson war, der mit Einarsdóttír in Kontakt stand. Da lag es nahe, dass dieser auch die Postkarte abgeschickt hatte. Irgendwie erschien ihm das verdächtig, lag aber auch auf der Hand: Es war eben eine eingeschworene Gemeinschaft hier.
„Ja, die Leute halten zusammen.“, erwiderte Jacob. „Und das, obwohl die Wirtschaft hier noch nie so wirklich gut gelaufen ist und seit der letzten Wirtschaftskrise alles den Bach runter geht. Ich hab ja eine kleine Pension hier und es läuft so lala. Zum Glück hab ich auch noch meine Rente, sonst könnte ich gar nicht existieren. Hauptsächlich aus anderen Regionen Islands kamen früher Leute, aus dem Ausland nur ab und zu. Seit der Krise hat das deutlich abgenommen. Viele leben von der Fischerei, der Schafzucht und der Landwirtschaft. Aber diese Branchen werfen einfach nichts mehr ab. Und dann gibt‘s hier auch noch Industrie. Obwohl, da haben einige Betriebe auch schon geschlossen, die anderen können niemanden einstellen.“
„Ja, das kennen wir auch in Deutschland.“
„Nun, dann stellen Sie sich mal vor, es kommt ein Deutscher, der schon lange in Island lebt und versucht den Bau eines großen Projekts zu verhindern, das viele Arbeitsplätze schaffen würde. Wie würden Sie dann reagieren?“
„Ich wäre schon verärgert. Aber man muss sich auch vor Augen führen, dass erst mal gar nicht so viele neue Arbeitsplätze geschaffen würden. Also durch den Staudamm jetzt. Zumindest nicht dauerhaft.“
„Viele Leute würden über Jahre hinweg durch den Staudammbau Geld verdienen. Hauptsache heute steht das Essen auf dem Tisch. Das ist doch das Wichtigste, oder? Und wenn das Wasserkraftwerk erst mal Strom liefern würde, könnten die Aluminiumfabriken gebaut werden. Dort könnten dann hunderte Menschen fest arbeiten und ihr Geld verdienen.“
„Wenn heute das Essen auf dem Tisch steht, morgen aber Tisch und Essen gar nicht mehr vorhanden sind, bringt das nur bedingt was.“, brummte Kelchbrunner.
„Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen: Den Umweltschutz. Ich mag auch die Natur, wie ich schon erwähnt habe. Aber der Mensch sollte wichtiger sein als eine Moospflanze oder ein seltener Vogel.“
Kelchbrunner nippte an der Moos-Milch.
„Na ja, darüber lässt sich streiten. Sagen wir mal, als Krone der Schöpfung sollte der Mensch aber in jedem Fall besser sein als alles andere: Vernünftiger, intelligenter, moralisch und ethisch über allem stehen. Und aus dieser Sicht darf der Staudamm erstrecht nicht gebaut werden.“
„Das versteh ich jetzt nicht ganz.“
„Na, die Menschen sollten aus ihren Fehlern gelernt haben. Der Assuan-Staudamm in Ägypten zum Beispiel. Da glaubte man in den 60ern, das sei eine gute Sache: Die Schaffung neuer Arbeitsplätze, eine geregelte Bewässerung der Felder und somit zwei Ernten im Jahr. Und natürlich trägt der Damm auch zur Stromversorgung bei. Irgendwann kamen dann aber die Probleme. Normal hat der Nil einmal jährlich die Felder überschwemmt, mit Schlamm gedüngt und aus dem Ackerboden Salze ausgespült. Jetzt versalzen die Böden, der Nilschlamm wird am Staudamm zurückgehalten, und man muss Unmengen Kunstdünger ausbringen. Das kostet Geld, belastet die Umwelt und das Wasser. Außerdem hat sich der Schlamm ursprünglich im Nildelta abgelagert, wo das Meer im Gegenzug regelmäßig Land weggespült hat. Das war ein natürliches Zusammenspiel, was durch den Damm zerstört wurde. Jetzt lagert sich kein Schlamm mehr ab,  das Meer frisst sich immer weiter ins Land. Die Menschen, die vom Damm profitiert haben, werden früher oder später in die Wüste fliehen müssen, weil das Meer ihnen die Erde unter den Füßen weg spült. Das Meerwasser gelangt auch immer mehr ins Grundwasser, mit dem die Bauern ihre Felder bewässern. Und die Böden versalzen so immer weiter.
„Das ist starker Tobak.“
„Ja, und keiner lernt daraus. Wenn der Staudamm hier in Island gebaut wird, verschwindet ein einmaliges Stück Natur. Für immer! Das lässt sich nicht mehr einfach so zurückholen. Natur-Tourismus kann man dann vergessen. Und die Bevölkerung wird auch noch gefährdet. Hier gibt’s ja öfters mal Erdbeben und Vulkanausbrüche. Was, wenn dadurch dieser riesige Staudamm beschädigt wird und bricht? Und wirtschaftlich: Natürlich werden durch die neuen Aluminium-Fabriken Arbeitsplätze entstehen. Aber wer sagt Ihnen, dass der Betreiber dauerhaft Isländer zu anständigem Lohn beschäftigen wird? Wer garantiert, dass er keine Arbeitskräfte aus Rumänien holt und die Isländer mit den höheren Stundenlöhnen nicht mehr braucht? Wer sagt Ihnen, dass die Fabriken hier dauerhaft betrieben werden? Wenn die Firma morgen Pleite geht, oder aus Kostengründen nach China verlegt wird, steht hier ein Wasserkraftwerk mit hoher Stromerzeugung. Aber keiner braucht den Strom! Und man könnte ihn nicht mal exportieren. Bisher gibt‘s noch keine direkte Starkstromverbindung von Island nach Europa oder Nord-Amerika. Von daher ist das alles doch ein irrsinniges Projekt!“
„Sie haben sich ja ganz schön informiert für einen Kriminalkommissar. Und Sie haben ja auch irgendwo Recht. Aber die Leute denken nicht so langfristig, sondern müssen einfach nur wirtschaftlich überleben. Sie sehen die Möglichkeit einen Job zu bekommen, oder Geld einzunehmen wenn sie ihr Land verkaufen können. Nicht mehr und nicht weniger. Der Rest ist ihnen erst mal egal.“
„Tja, das ist irgendwie überall so. Es zählt das schnelle Geld. Gleichzeitig reden alle von Nachhaltigkeit und machen genau das Gegenteil.“
„So ist das leider. Aber ich glaube, hier spielt noch was anderes eine Rolle. Einarsdóttír stammte weder aus dieser Region, noch wohnte sie in Island. Trotzdem hat sie geglaubt, sich einmischen zu müssen. Viele sind der Meinung, dass hier ein Einheimischer um seinen Besitz und sein Neffe um sein Erbe gebracht werden sollte. Ich glaube, das ist der springende Punkt. Die Isländer sind ein stolzes Volk und lassen sich nicht gern bevormunden oder reinquatschen.“
„Hm… Kannten Sie eigentlich diesen Thorsteinsson?“
„Nicht wirklich. Gesehen hab ich den Alten mal, aber ich hab mich nie mit ihm unterhalten.“
Kelchbrunner sah auf die Uhr, dann aus dem Fenster. Es hatte aufgehört zur regnen.
„Oh, ich sehe gerade, es ist schon spät und ich muss noch was Dringendes erledigen.“
„Ich hoffe, wir können diese Unterhaltung ein andermal fortsetzen?“
„Ja, das würd mich sehr freuen!“ Kelchbrunner kramte einige Isländische Kronen hervor.
„Ach was, das mach ich schon!“
„Oh, Dankeschön. Na dann noch nen schönen Abend!“
„Den wünsch ich Ihnen auch. Und lassen Sie sich von keinem Troll erwischen. Man sagt, die sind gar nicht so ohne!“
„Ich werd mich vorsehen.“

In der Nacht war es durch das Loch im Schlafzimmerfenster recht frisch geworden. Aber immerhin hatte ihn die tote Alte nicht im Traum besucht.
Als Kelchbrunner seine Vermieterin auf dem Flur traf, teilte er ihr mit, das Fenster sei defekt. Sie fragte ihn, warum. Und er antwortete, es sei dem Stein in der Tüte im Weg gewesen, die er in der Hand hielt. Er ließ eine irritierte, feindselige Isländerin zurück und verließ die Unterkunft nach einem bewusst dürftigen Frühstück. Dabei kam ihm in den Sinn, dass es eigentlich verwunderlich war, dass man einen Stein benutzt hatte, um die Scheibe einzuwerfen. Ein Brötchen hätte es ebenso getan, das auch am Mittwoch von der gewohnten Härte nichts eingebüßt hatte.
„Have a nice day!“, sagte der Ehemann der Vermieterin freundlich, klang aber scheinheilig.
„Ich glaub nicht, dass das ein guter Tag wird.“
Kelchbrunner verließ das Haus, und es regnete so stark, als habe sich Odin oder wer auch immer entschieden, ihn im Meer zu versenken. Und mit ihm gleich die gesamte Vulkaninsel. Gut, dass er eine wasserfeste Jacke und Hose angezogen hatte.Die Straßen waren wie leergefegt, der Regen prasselte nieder, als habe er nie etwas anderes getan und als wolle er nie wieder etwas anderes tun.
Kelchbrunner ging zunächst zur Polizeistation, ehe er sich auf die Suche nach dem Testament begab.
„Oh, Sie wollen gehen?“, fragte Jónsson.
„Nein, so weit ist es noch nicht. Ich bringe Arbeit.“
„Arbeit?“
Kelchbrunner knallte die Tüte mit Stein und Botschaft auf den Tisch.
„Den Stein hat mir jemand durchs geschlossene Fenster in die Wohnung geworfen.“
„Kinder vielleicht.“
„Malen all Ihre Kinder Hakenkreuze auf Zettel mit Parolen und werfen sie durch Fensterscheiben? Dann haben Sie bestimmt viele Glaser hier.“
Jónsson hatte den Satz wohl nicht ganz verstanden, antwortete aber trotzdem: „Thórshamarr!“
„Bitte?“
„Nein, das ist nicht Hakenkreuz. Ihr Doitsche müsst nicht immer… wie sagt man? Von andere auf euch schließen, alles einnehmen für euch.“
„Ich versteh nicht ganz. Das ist doch ein Hakenkreuz.“
„Nej, ist es nich! Es ist ein Thórshammar, ein…wie sagt man? Ein mystisches Zeichen aus dem Mittleren Alter. Sieht ähnlich aus, ist aber kein Hakenkreuz.“
„Und warum hat man es dann auf diesen Zettel gemalt, mit dem Vermerk, ich solle heimgehen?“
Jónsson überlegte einen Moment. „Es ist ein Zeichen, eine Botschaft.“
„Ach was?“
„Jau, es gibt in Island eine wachsende Gruppe. Sie mag Fremde nicht, will die Kultur und das Land vor dem Einfluss von außen schützen. Das sind, wie sagt man? Tradiotionsmenschen.“
„Ist das eine radikale Gruppe?“
„Nej, nicht oft. Aber es gibt Ausnahmen.“
„Ausnahmen?“
„Jau. Dagur Arngrímsson ist ein Anführer von einer solchen Gruppe. Sie sind Gegner von Moscheen und Islam, wollen die EU nicht. Nach Arngrímsson wird gefahndet. Er hat Menschen schwer verletzt. Geben Sie das, ich werde es untersuchen lassen, ob Spuren von ihm drauf sind. Und passen Sie auf Ihre Gesundheit auf. Er ist sehr gefährlich!“

Bächlein warf einen Blick auf die Einreiselisten an der Pinnwand, neben den Bildern und Dokumenten des Falles. Und mit einem Mal erstarrte er für einen Moment.
„Das… das ist doch nicht möglich. Aber so könne es Sinn ergeben!“ Er wirbelte herum. „So ergibt das Sinn!“, sagte er verblüfft und überzeugt zugleich. „Aber warum sind wir da nicht gleich drauf gekommen? Schnell, ich muss Kelchbrunner anrufen. Hoffentlich hat er sein Handy angeschaltet.“
Juvanic ging verdutzt zu den Listen. Was um alles in der Welt…?
Ein Name stach ihr ins Auge, und mit einem Mal wurde ihr alles klar.
Bächlein knallte den Hörer auf. „Dieser sture Bock, verdammt noch mal! Der ist vielleicht in Lebensgefahr, und der vermeintliche Helfer ist in Wahrheit der Henker! Schnell, wo wohnt dieser Herr Jacob?“
Juvanic zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“

Der Himmel klarte endlich ein wenig auf, einige Sonnenstrahlen durchbohrten die Wolkendecke. Und mit einem Mal erkannte Kelchbrunner etwas, das ihn an die Passagen der Edda denken ließ.
Am Flussufer stand ein verhältnismäßig großer Baum mit dickem Stamm und Wurzeln, die aus dem steinigen Boden ein Stück weit herausragten. Um den Baum herum standen einige aus Steinen aufgestapelte Türmchen. Kelchbrunner zählte nach: Es waren elf an der Zahl! Elf!
Das konnte doch kein Zufall sein. Er blieb stehen und glaubte nun zu wissen, wie sich ein Archäologe fühlen musste, wenn er einen seltenen Fund gemacht hatte.
Er packte das mitgebrachte Blatt Papier mit den Edda-Passagen aus und grübelte. Hatte er die Esche Yggdrasil nahe Mimirs Quell gefunden? Die elf Asen standen offenbar hier. Wo aber war der rote Hügel? Und wo das Testament? War es vergraben? Und wo war Balder, der sich zum blutigen Hügel neigte?
Kelchbrunner hörte Schritte und drehte sich um.
„Sie? Was machen Sie denn hier?“