Mit anderen Augen…

Heute ist internationaler Tag der biologischen Vielfalt. Am Freitag war Welbienentag. Es ist toll, dass die Thematik somit ins öffentliche Bewusstsein gerückt wird. Doch kann es wirklich so sein, dass hierfür noch ein Gedenktag nötig ist?

Sollten wir uns nicht möglichst an 365 Tagen für den Erhalt der Artenvielfalt, der Bienen und der Natur einsetzen? Schließlich haben wir nur eine Natur, und können keine neue bestellen, wenn wir die alte „verbraucht“ haben.
Und auch der Weltbienentag ist zwar eine gute Sache. Doch habe ich sehr oft, hauptsächlich bei Werbe-Posts von Unternehmen zu diesem Tag, etwas von der Honigbiene gelesen. Dass wir diese schützen sollten, dass sie unsere Ernährung sicherstellt, dass sie so große Leistungen erbringt und hunderte Kilometer fliegt, um ein Glas Honig füllen zu können. Oder sogar tausende? Egal – denn der Schutz der Honigbiene ist natürlich wichtig, aber sie hat bereits eine Lobby. Die Wildbienen bei weitem nicht. Und sie erbringen ökologisch und für unsere Ernährung ebenso Höchstleistungen.

Nun kann man aber schon erkennen, dass auch den Wildbienen zunehmend Hilfen angeboten werden. Jeder Baumarkt der etwas auf sich gibt, bietet „Insektenhotels“ an – damit darin Käfer, Insekten und Wildbienen den Winter verbringen können. – So las ich gerade heute. Und dachte: Bin ich im falschen Film? Dann sah ich die Nisthilfe und wusste: Oh ja, im völlig falschen. Nicht nur, dass man in diesem Unternehmen keine Ahnung vom Sinn eines sogenannten „Insektenhotels“ hat. – Denn es war aufgebaut wie eine Wildbienen-Nisthilfe. Man hat natürlich auch die schrecklich unnötigen bis tödlichen, und vor allem sehr billigen Komponenten „Tannenzapfen, Holzwolle, Holzstückchen und Sperrholzbrettchen mit Schlitz“ verbaut. Ein Dach ist bei der Nisthilfe nicht vorhanden, die Löcher sind unsauber gebohrt, und so ist der Nutzen dieser Nisthilfe sehr begrenzt. Vielleicht verkauft man sie dann, zusammen mit dem Saatgut bunter Blumen und dem Hinweis „bienenfreundlich“ oder „Bienen- und Schmetterlingsmagnet“ im Spar-Super-Sonder-Nutzlos-Paket für einen hohen Preis, und einen geringen Wert.
Leider ist es auch das Auge des Käufers, das hier eine Rolle spielt. Denn in vielen Köpfen herrscht das Bild vor: Bunte Blumen = Nutzen für Insekten
So einfach ist das aber leider nicht. Oftmals sind in diesem Saatgut exotische Arten enthalten, die den wenigstens Wildbienen und den wenigsten Faltern einen Nutzen bringen. Und ich habe auch schon Blumen mit gefüllten Blüten gesehen, die man als bienenfreundlich angepriesen hat. Kein Wunder: Die Bezeichnung ist nicht geschützt.

Doch wir müssen auch weg von dem Anspruch, dass wir nur „die Bienen“ schützen müssen. Es muss klar sein, dass es auch viele andere Arten gibt, die unsere Unterstützung benötigen, weil wir sie brauchen. Und weil sie auch schlicht und ergreifend ALLE eine Existenzberechtigung haben. Wer sind wir, dass wir entscheiden könnten, welche Art nach Jahrmillionen der Evolution nun weiter existieren darf, und welche nicht mehr benötigt wird?
Und dabei müssen wir uns auch von dem Anspruch verabschieden, dass alles schön bunt blühen muss. Gräser sind die Lebensgrundlage für viele Insekten. Und das sind nicht nur Grashüpfer oder Heufperd. Auch der Heufalter, ein schöner Schmetterling, benötigt zur Ablage seiner Eier bestimmte Grasarten. Gräser sind Nahrungsgrundlage z.B. für das Waldbrettspiel – ebenso ein Falter. Gräser sind aber auch nötig für einige Käferarten und andere Insekten. Ja: Gräser sind ein Teil der Natur, und somit der Artenvielfalt!

Auf der Fläche unserer Naturschutzgruppe tauchte vor kurzem der Feld-Sandlaufkäfer auf, der natürlich freie Flächen benötigt, aber eben auch Gras, das nicht alle Nase lang bodengleich abgemäht wird. Er ist übrigens besonders geschützt durch die Bundesartenschutzverordnung, weil seine Lebensräume schwinden.

feld-sandlaufkaefer

Ein schöner Käfer, oder? Schön bunt, schillernd grüner Rücken, kupferfarbende Beine. Und er kann kurze Strecken fliegen. Wenn man ihn stört fliegt er auf und landet etwa 1 m entfernt, mit dem Blick direkt zum Störenfried gerichtet.

Ja, ein wirklich schöner Käfer ist das. Aber vielleicht sollten wir uns mal davon verabschieden, alles nur nach dem Äußeren zu bewerten? Das beste Sinnbild ist die Raupe im Beitragsbild. Die ist doch richtig schön. Und sie ist die „Vorstufe“ des „Königskerzen-Mönchs“. Das ist ein Nachtfalter, und nach der Metamorphose am Ende wird er „nur“ ein brauner, unscheinbarer Eulenfalter, der sich als Rinde tarnt. Also nix mehr kunterbunt und auffällig. Und nun auch nicht mehr schützenswert, weil er ja nicht so schön aussieht? Dann gibts aber auch seine bunte Raupe nicht mehr.

So ist es leider mit vielen Arten, und mit vielen Schutzmaßnahmen. Man will Natur, aber doch bitte Ordnung und Schönheit. Nur bedeutet Natur eben nicht Ordnung, sie ist Vielfalt. Und sie lebt davon.

Ein Blick auf die kleinen, unscheinbaren Wesen offenbart ganz deutlich, dass wir auch sie schützen müssen.

Falter an Wiesenschaumkraut
Falter an Wiesenschaumkraut

Es geht beim Artenschutz nicht darum, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, das menschliche Empfinden von „Schönheit“ zu erfüllen oder als Sympathieträger zu pushen, und andere zu ignorieren oder gar zu vertreiben. So funktioniert Artenschutz nicht. Und das kann auch nicht der Sinn sein!

DSC_0333

Der Kiebitz ist nun mal ein toller Sympathie-Träger und wird (zum Glück!) geschützt. Aber ist es nicht so, dass wir den Erhalt jeder Art im Auge behalten sollten. Haben denn nicht alle ein Recht dazu, auf dieser Erde zu leben? Sie sind alle Teil kleiner Ökosysteme, und diese sind wiederum Teil eines großen, lebendigen Netzwerks auf einem Blauen Planeten, mitten im schwarzen, kalten und lebensfeindlichen Weltall.

Graugans mit Nachwuchs

7 Gedanken zu “Mit anderen Augen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s