Gaias Geist

Heute, für den Tag der Erde, habe ich eine kleine Kurzgeschichte vorbereitet. Gaia ist eine der ersten Gottheiten und stammt aus der griechischen Mythologie. Sie symbolisiert die Erde in Person und irgendwie erscheint es mir sinnvoll, das mal in eine kleine Geschichte zu verpacken. Eine kurze, nachdenkliche Geschichte über das Hier und Heute…

Es hatte funktioniert. Sie hatten den Köder geschluckt und verbreiteten ihn durch Gier, Egoismus und Dummheit untereinander. Es würde nicht lange dauern und sie sahen, dass etwas unter ihnen war. Etwas Gefährliches, Tödliches.

Sie hatten ihr keine Wahl gelassen. Jeder wusste, wie es ihr ging. Gaia nahm wahr, dass die Hüllen, die sie belebte zunehmend verschwanden: Verbrannt, vergiftet, versklavt, niedergemetzelt. Überall schrien sie und kehrten mit dem letzten Lebensatem zu Gaia zurück, um ihr zu berichten, dass nur eine Art daran schuld sei. Eine, die Gaias Geist tief in sich verbarg, um ihn Untertan zu machen.
Verklärt war ihr Blick, seit sie sich zweibeinig aufgerichtet, das Spiel mit dem Feuer gelernt und sich über die Erde erhoben hatten. Das wusste Gaia, denn auch jene Art kehrte mit dem letzten Atemzug zu ihr zurück.

Alles war eins, nur sie hatten es vergessen!
Wie ein dementes Eichhörnchen horteten sie immer mehr. Um Dinge herzustellen die sie gar nicht brauchten, töteten sie Wesen, von deren Existenz sie abhängig waren. Das war unnatürlich.
Tief im Kern ihrer Seele wussten sie das, kannten den Geist Gaias: Verwurzelte wuchsen durch den Atem der anderen, um diesen neuen zu schenken. Und der belebte seit Äonen den Blauen Planeten.

Noch hielten sie an dem Weltbild fest, horteten ermordete und in Rollenform gebrachte Atemspender, um sich ihre Hintern damit abzuwischen. Doch das war nicht die ganze Wahrheit. Gaia wusste: Hinter all dem Horten stand der verzweifelte Ruf nach der Mutter, die Sehnsucht nach dem schützenden Wald, dem die Art entstammte.
Noch glaubten sie, sie seien die Größten, stünden über allem, was sie am Leben erhielt. Doch die Saat war gesät, erste Gedankenkeime sprossen.

Gewaltige globale Beschleunigung, Wachstum und Gier wurden ausgebremst vom kleinsten aller Wesen. Ihre Wirbelwinde verlangsamten sich, ihre Stauseen wurden ruhig, die Oberfläche klar und der Blick aufs eigne Spiegelbild gestochen scharf. Die verführerischen Luftbläschen auf der Oberfläche, die sie stets von der Wahrheit entführt hatten, platzten nach und nach. Die Wasserkreise verteilten sich, versiegten. Der Blick in die Tiefe wurde möglich.

Und am Seelengrund stand Gaia.
Sie sprach: Wir alle sind eins. Alles was du anderen Wesen Böses tust, schadet auch dir. Alles was du Gutes tust, wird dir nützen. Sie griff nach etwas im Herzen jener, hielt es in die Höhe: Das ist der bunte Regenbogen eurer Seele, dessen Ende euch den Schatz verspricht. Um ihn zu erreichen müsst ihr nur die bunten Blumen auf dem Weg zertreten, Bienen und Käfer vergiften. Bäume und Sträucher, die den Regenbogenblick verdecken, müsst ihr töten. Um einen Fluss zu überqueren, müsst ihr ihn aufstauen und bringt ihn um sein Leben. Um schließlich festzustellen, dass ihr das Ende des Regenbogens nie erreichen könnt, es dort keinen Schatz gibt und ihr den wahren Reichtum auf dem Weg dorthin zerstört habt. So ist eure Gier!
Und der Geist Gaias in jedem von uns erwachte.

4 Gedanken zu “Gaias Geist

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s