Schöner Schuh

Gestern fanden wir diesen schönen Schuh. Beim RhineCleanUp in Bodenheim. 30 engagierte und motivierte Leute waren wir und machten bei strahlendem Sonnenschein das Rheinufer sauber. Die Aktion war ein voller Erfolg – und doch wurde es mir flau im Magen, als ich das Ergebnis sah.

Diese vielen Müllsäcke auf der Ladefläche ließen mir keine Ruhe. Ich wollte mal sehen, was so alles gesammelt wurde. Und so leerte ich einen nach dem anderen Sack aus. Und mit jedem Sack wurde mir erst bewusst, um wie viel Müll es sich da handelte.

Müllhaufen
Ein Haufen von weitgehend einem Meter Höhe entstand, auf einer Fläche von 2,50m x 2m. Das bedeutete, in meinem Hof lagen mindestens 3000-4000 Liter Müll. So viel passt in 12 bis 15 große, 240l fassende Mülltonnen! Ist das nicht unglaublich?

Das Zeitalter der „aufgeräumten Gärten“ – und der vermüllten Natur

Es käme doch keiner auf die Idee, seinen Müll kurzerhand aus dem Küchenfenster in den Garten zu werfen. Oder beim Freundesbesuch die Kippe im Aquarium zu entsorgen. Warum ist es dann eine Selbstverständlichkeit für viele, die unterwegs sind, den Müll einfach so in unser aller Lebensraum zu werfen? Sind es purer Egoismus und Empathielosigkeit? Oder ist es der Einstellung „Aus den Augen aus dem Sinn“ geschuldet? – Dann reicht aber ein Blick in die Nachrichten, um zu sehen, dass der Müll keineswegs verschwindet. Vielleicht ist es auch ein Versuch, schnell Ballast los zu werden? – Das kann man aber leichter haben, indem man weniger und dafür strategisch konsumiert, einfach Unverpacktes kauft. In jedem Fall tragen auch Lebensmittelindustrie und Händler eine große Mitschuld an der Müll-Misere. Denn der Verpackungswahn findet trotz aller Tatsachen leider kein Ende. Ganz im Gegenteil.

Ans Eingemachte…

Aber nun zurück zum Müllhaufen in meinem Hof.
Ich denke, vielen ist gar nicht bewusst, welche Menge an Müll da in unserer Natur liegt. Daher habe ich sie nun exemplarisch für den Rheinabschnitt Bodenheim fotografiert. Und auch dokumentiert, denn meine Neugierde war geweckt und ich wollte herausfinden, woraus der Müll konkret besteht. Ich habe fast zwei Stunden durchgezählt.

Ich hasse es
Ich hasse es

Es waren sage und schreibe:
– 316 Plastikflaschen und -becher, Tetrapacks und To-Go-Becher enthalten.
– Über 100 Weißblechdosen wurden eingesammelt.
– Auf weitere über 30 Dosen und Flaschen hätte es Pfand gegeben.
– Wir sammelten insgesamt mindestens 80 Glasflaschen und Gläser ein.

Der Rest des Mülls bestand aus
– mehreren hundert Verpackungsfolien von Schokoriegeln.
– unzähligen Stücken Plastikfolie, die teilweise bereits brüchig war und zerbröselte, wenn man sie auch nur berührte.
– unzähligen Stücken Styropor, das ebenso beim Anfassen zerbröselte.
Wir fanden zudem Spritzen (zum Glück ohne Nadeln), Blister-Verpackungen voll mit Medikamenten, Öl- und Reinigungsmittelbehälter, Batterien, einige Elektrogeräte, viele Kleidungsstücke, Teppichstücke, zehn einzelne Schuhe und auch etwa zehn Schutzmasken, drei prall gefüllte Hundekot-Beutel aus Plastik, etliche Gläser halb gefüllt mit verdorbenen Lebensmitteln, Schüsseln, Eimer, Alufolie,…
Da war der mit Moos bewachsene Schuh im Anhang noch das schönste Fundstück.

Leider kein Feenstaub
Leider kein Feenstaub – Plastik und Alufolie zersetzen sich und zerbröseln am Ende zu feinsten Teilchen. Die lassen nicht dann nicht mehr einsammeln.

Der Nabu schätzt, dass allein der Rhein etwa 380 Tonnen Kunststoff in die Nordsee transportiert – pro Jahr! So landet es in den Weltmeeren, am Meeresgrund und in den gewaltigen Müllstrudeln. – Mit allen katastrophalen Folgen für die Ökosysteme und am Ende auch für den Menschen, da es bei ihm wieder auf dem Teller landet. Wenn man sich anschaut, wie viele Plastikfolien in den Hecken am Rhein hingen, kann man sich vorstellen, wie viel Plastik in den Bereichen ohne Heckenbewuchs direkt in den Fluss geweht wird.

Dabei ist ja nicht nur der Müll das Problem, bei der Produktion von Verpackungsmaterialien entstehen große Mengen Treibhausgase, ebenso bei ihrer Entsorgung. Für die Aluminium-Produktion wird Bauxit benötigt, das man u.a. in Brasilien abbaut (Regenwaldabholzung und Lebensraumverseuchung), dann um den halben Globus transportiert, um anderswo mit hohem Energieaufwand und billigem Strom zum Werkstoff verwandelt zu werden. Von dort wird es wieder tausende Kilometer transportiert, damit es für kurze Zeit auf unserem Joghurtbecher klebt, um dann entfernt und entsorgt zu werden… Ist das nicht absurd?

Irgendwie passte dann dieses „Fundstück“ an der Fußgängerunterführung unterhalb der B9 ganz gut ins Gesamtbild unseres Gesellschaftssystems, das den Überfluss und die Müllberge hervorbringt.

Arbeite, Konsumiere, Stirb

7 Gedanken zu “Schöner Schuh

  1. Tolle Aktion von euch und leider deprimierend, was so viele Menschen unachtsam wegschmeißen. Dann auch noch vielfach so giftiges Zeug, unglaublich. Den Satz mit den aufgeräumten Gärten und der vermüllten Natur finde ich dazu ganz interessant und dein Schlußbild wirklich sehr passend!

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  2. Man ahnt es ja, bei Spaziergängen in der Natur. Immer wieder Müll am Wegesrand. Mal die ganze Terassenbestuhlung entsorgt, mal nur ein Bonbonpapier. Aber das ganze Elend auf einem Haufen zu sehen ist trotzdem schlimm. Zum Glück gewinnt das lauernde Gefühl der Sinnlosigkeit und der eigenen Ohnmacht gegenüber so viel Ignoranz nicht die Oberhand.

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    • Ja, es gibt eine klare Bewegung, die sich der ganzen Vermüllung in den Weg stellt und aufräumt. Zum Glück. Ich finde es nur extrem wichtig, dass mal die breite Öffentlichkeit sieht, wie viel eigentlich in der Landschaft landet. Wer denkt schon, dass dort binnen eines Jahres mindestens 316 ToGo- und Joghurtbecher, Tetrapacks und Plastikflaschen landen? Auf einer Länge von ungefähr 1 km. Das heißt, dass fast jeden Tag einer eine solche Verpackung dort entsorgt. Erschreckend, finde ich.

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      • An unserer kleinen Dorf-Grundschule findet jedes Frühjahr eine sogenannte „Flur-Putzete“ statt. Alle Kinder ziehen mit ihren Lehrerinnen durch das Dorf und die umliegenden Felder. Dort sammeln sie Bollerwägen voller Müll, den sie hinterher beim Gemeindepfleger gegen eine Fanta eintauschen. So macht Umwelterziehung Sinn! Manches haben sie schon mitgebracht, voller Ungläubigkeit welche Schätze manche Menschen wegwerfen. Das illegale Müllentsorgen hat also sogar noch eine zusätzliche Dimension, die generell mit der Wertschätzung von Dingen des täglichen Gebrauchs zusammenhängt. Auch ein sehr freudloses Thema…

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      • Das ist eine sehr gute Aktion. Bei uns finden in den Kitas auch regelmäßig solche Müllsammelaktionen statt. Es kann nicht früh genung für das Thema sensibilisiert werden. Kinder, die sich mit dem Thema befassen, werden als Erwachsene wahrscheinlich ein anderes Bewusstsein haben. Es ist auch erschreckend, was teilweise in den Wertstoffhöfen bei uns landet: Intakte Elektrogeräte und Werkzeuge, Fahrräder. Beim Sperrmüll landen Möbel und andere Gegenstände in sehr guten Zustand. Hier macht sich auch bemerkbar, wie verschwenderisch mit den natürlichen Ressourcen umgegangen wird.

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