Was lernen wir vom Klopapier?

Diese Frage ist gar nicht mal so abwegig. Und nein: Ich möchte mich hier und heute nicht in den allgemeinen Chor einreihen, der vor Corona und seinen Folgen warnt. Die Fakten dürften inzwischen jedem bekannt sein. Wie man sich und andere vor Corona schützt, hört und liest man inzwischen überall. Wir müssen die Bedrohung absolut ernst nehmen! Doch, und jetzt kommts: Es gibt einen Unterschied zwischen Information und Sensation, zwischen „auf dem neusten Stand halten“ und „apokalyptischer Weltuntergangsstimmung“. Letzteres könnte nämlich direkt zur weiteren Verbreitung des Virus führen.

Ganz sachlich könnte man sagen: Ordentlich die Hände waschen, in die Armbeuge niesen oder husten, direkte soziale Kontakte wo immer es geht vermeiden und bei Erkrankungen den Arzt anrufen.
Und was sagt die Presse? Die berichtet von den vielen Särgen, die in Italien vom Militär abtransportiert wurden. Von einem französischen Staatspräsidenten, der eine Ausgangssperre verhängt und sagt „Wir sind im Krieg“. Auch Trump spricht von Krieg – wen wunderts…? Die Medien berichten von immer neuen Berechnungen, wonach bis Mai eine Million Menschen in Deutschland mit Corona infiziert sein könnten. – Ein anderer Experte überbietet das mit zehn Millionen. – Werden es denn bald 100 Millionen sein – bei nur etwas mehr als 80 Millionen Einwohnern? Und: Infiziert heißt übrigens nicht zwangsläufig erkrankt! Das wird gerne verschwiegen.

„Wer bietet mehr?“, so könnte man fragen und man wird immer eine neue Hiobsbotschaft hören. Es laufen Brennpunkte, Sondersendungen in fast allen Fernseh- und Radioprogrammen mit ganz vielen Bildern, Schlagworten, Zahlen, Horrormeldungen und apokalyptischen Szenen. Man wartet förmlich darauf, dass diese Sendungen nur noch von einem Testbild in Warnschildform mit der Aufschrift „Das Ende ist nah“ unterbrochen werden, im Hintergrund heulen Sirenen.

Das Virus macht unabhängig davon natürlich Angst. Es ist etwas Unsichtbares, das uns krank macht und im Zweifel umbringen könnte. So wie die Grippe (Influenza) übrigens, an der in der Saison 2017/2018 alleine in Deutschland über 25.000 Menschen starben! (Quelle: Ärzteblatt) Davon spricht keiner – nicht zum Verharmlosen von Corona, sondern um alles ein wenig in ein Verhältnis zu setzen.

Panik gefährdet Deine Gesundheit

Das soll jetzt natürlich nicht das Risiko des Corona-Virus relativieren. Wir müssen uns vor ihm schützen und seine Ausbreitung verhindern.
Doch das funktioniert absolut nicht, indem man durch eine mediale, hollywoodreife Dauerberieselung apokalyptischer Bilder und Einschätzungen  oft selbsternannter Spezialisten in einen kontinuierlichen Stresszustand gerät. Denn wenn man uns ununterbrochen suggeriert, den nächsten Tag eventuell nicht mehr zu erleben, lässt uns das in einen Angst- und Abwehrmodus geraten. Der Körper steht unter Anspannung, was über einen längeren Zeitraum zur Folge hat, dass das Immunsystem deutlich an Stärke verliert. Wir werden angreifbarer für Viren und Bakterien.
Na dann, herzlichen Glückwunsch! Das ist in etwa so paradox, wie wenn man sich in eine Warteschlange beim Discounter stellt, um zehn Flaschen Desinfektionsmittel zu kaufen, das man dann benutzt, um sich bloß nicht in der nächsten Warteschlange beim Ansturm aufs Klopapier bei den anderen zu infizieren.

Wer sich hingegen entspannt, der stärkt seine Immunabwehr, er fühlt sich wohler und vor allem bleibt seine Psyche gesund.
Anstatt sich die neusten Horror-Szenarien anzuhören könnte man die Zeit also nutzen, und den Garten auf Vordermann bringen, oder die Wohnung. Man könnte einen Spaziergang in Wald oder Feld unternehmen, die Schönheit des Frühlingserwachens in der Natur beobachten, ein gutes Buch lesen. Ich lese momentan das „Praxisbuch MENTAL TRAINING, Entspannen, neue Kraft schöpfen, das Leben gestalten“ von Kurt Tepperwein, kann es nur empfehlen. Das ist übrigens kein bezahlter Link, er führt zu ecobookstore.de, einem „grünen Online-Buchhandel“. Hier aber wie gehabt bitte die entsprechende Datenschutzerklärung beachten. 😉

Man kann auch eine Entspannungstechnik praktizieren oder erlernen.
Hier gibt es drei wie ich finde gute Videos der AOK, mit denen mal üben kann.

 

Man könnte mit Freunden telefonieren oder chatten, anstatt sich mit ihnen zu treffen. Auch könnte man aus altem Zeugs etwas Neues bauen, Upcycling ausprobieren, für das man nicht in den Baumarkt fahren muss. Man könnte sich einem neuen Hobby widmen, oder ein altes wieder aufleben lassen.
Anstatt im Supermarkt Gemüse zu kaufen, könnte man nun einfach im Garten oder im Feld Brennnesseln, Giersch, Löwenzahn oder Gänseblümchen ernten, um sich einen leckeren Salat zuzubereiten oder eine Brennnessel-Giersch-Lasagne zu backen.

Oder wie wäre es, mal ins Museum zu gehen? Jetzt nicht vor Ort, sondern virtuell. Hier gibt es ein paar tolle Links des GEO-Magazins.

Und wer eher auf Musik und Livekonzerte steht, dem sei arte empfohlen.
In Berlin haben sich Clubs und Betreiber zusammengeschlossen, deren Szene durch die Corona-Krise vor dem Ruin steht. Jeden Abend läuft die Party online weiter.

Wissenswertes für Alt und Jung bietet ebenso arte mit „Im Lauf der Zeit“.

Perspektivwechsel

Allgemein könnten wir auch mal durchaus dankbar sein, dass wir praktisch im Haus festsitzen – bis auf wenige Ausnahmen. Immerhin haben wir „ein Haus“, also ein Dach über dem Kopf, sitzen nicht in der Eiseskälte, der Vergangenheit und Zukunft beraubt und wartend darauf, wie es weitergeht. Das Virus macht schließlich weder vor Flüchtlingen noch vor Menschen in armen Staaten halt.

Überhaupt könnten wir uns mal anschauen, was das Virus Gutes bewirkt. Das ist auch jede Menge.
Vor allem zeigt sich die Solidarität der Menschen überall – mal von einzelnen Konflikten um Klopapier abgesehen.
Und ausgerechnet in den USA schafft Präsident Trump gezwungenermaßen aufgrund der Auswirkungen von Corona ein umfangreiches Sicherungsnetz. – Es entstehen Arbeitslosenhilfe und Krankenversicherung, die Bürger sollen zudem Einmalzahlungen erhalten, Firmen durch Kredite gestützt werden.

Die Natur atmet auf

Die Emissionen sinken aufgrund der Einschränkungen in Industrie und Verkehr deutlich, wie hier nicht nur in Norditalien zu sehen.

In Venedig gibt es keine Touristenströme mehr, und schon kommt die Natur zurück. Fische schwimmen in den klaren Kanälen, in den stillliegenden Häfen tauchen wieder Delfine auf.

Wildtiere erobern die Städte zurück und suchen Futter, da die Touristen ausbleiben, die sie zuvor mit Bananen und Reiswaffeln angelockt haben.

Die Natur atmet auf. Gibt uns das etwa zu denken? Wir könnten die Zeit von Corona nun auch nutzen, um zu reflektieren über das was ist, und das was sich verbessern könnte. Ganz aktiv durch unser Zutun.
Während sich vor kurzem noch die Alten in der Klimadiskussion nicht um das Schicksal der Jungen scherten, scheren sich heute viele Junge nicht um das Schicksal der Alten. Beides ist falsch, denn am Ende ist es unser aller Schicksal, das wir mit unserem Handeln besiegeln.

Weg vom Klorollen-Prinzip

Das Virus könnte uns die Augen öffnen, wenn wir es denn zulassen würden. Zeigt es doch, dass die Natur sehr viel mächtiger ist als unsere Spezies. Und ihre Reaktionen werden zunehmend unberechenbarer. Grund dafür ist der Mensch, der durch seine Gier das Klima, die Wälder, die Meere und die Artenvielfalt zerstört.
Allein der Klimawandel wird durch seine höheren Temperaturen zu einer Ausbreitung der tropischen Krankheiten führen, und somit zwangsläufig zum Auftreten von Seuchen. Wobei der schmelzende Permafrostboden auf der Nordhalbkugel nicht nur weitere Treibhausgase freisetzen wird, sondern auch unbekannte Mikroben und Viren aus Zeiten vor der Eiszeit. Er wird unser Wirtschafssystem von Grund auf bedrohen, ebenso wie unsere Existenz.

Vielleicht zeigt uns Corona ja jetzt sehr eindrücklich, dass eine andere Welt möglich ist: Jetzt ist es plötzlich machbar, alle Meetings und Versammlungen per Videokonferenz durchzuführen. Auch die Arbeit im Home-Office wird flächendeckend praktiziert, was zuvor undenkbar war. Wir können nun doch die Flüge deutlich reduzieren. Kein Mensch stirbt daran, einmal weniger in Urlaub zu fahren oder zu fliegen. Wir können unseren Konsum aufs Wesentliche beschränken, können unser Mobilitätsverhalten nachhaltiger gestalten. Wenn wir nun noch erkennen, dass nicht nur von chinesischen Wildtiermärkten ausgehend gefährliche Krankheitserreger unsere Existenz bedrohen können, hätte Corona einiges bewirkt. Denn auch in den Mastanlagen der Massentierhaltung entstehen immer mehr antibiotikaresistente Keime und gelangen in die Natur. Und alleine in Europa sterben jährlich über 25.000 Menschen durch die Infektion mit Keimen, gegen die kein Antibiotikum mehr Wirkung zeigt.

Wir müssen aufhören, uns mit Nichtigkeiten zu beschäftigen. Was nutzt es uns, wenn wir am Rasen auf der Autobahn festhalten, es nicht einmal schaffen, ein deutschlandweites Tempolimit einzuführen? Wenn wir darauf bestehen, an unzähligen Flugreisen und Kreuzfahrten teilzunehmen, als wäre es eines unserer Existenzrechte. Wenn wir Klimaschutz predigen und zugleich immer mehr spritschluckende SUVs fahren? Wenn wir Erdbeeren um den halben Erdball transportieren lassen, nur um im Dezember die Frucht zu essen, die es im Mai bei uns in Hülle und Fülle – und sehr viel leckerer – gibt?

Es ist ein wenig wie mit dem Klopapier, das in diesen Tagen zum Verkaufsschlager wird. Ausgerechnet Klopapier steht ganz oben. Nicht ums Essen macht man sich Gedanken, sondern um das Gegenteil, das man im äußersten Notfall auch durch Wasser oder anderes ersetzen könnte. Essen lässt sich hingegen nicht ersetzen.

Mit dem Klorollen-Engpass zeigt sich ganz deutlich der Fokus unserer Zeit. Er ist gerichtet auf Äußerlichkeiten, auf leere Klorollen, und nicht auf den wichtigen Kern der Sache: Unsere Lebensgrundlagen, die nicht einmal mit einer Tonne Klopapier zu retten sind, sondern nur durch einen umsichtigen, achtsamen Umgang mit dieser Welt und unseren Mitlebewesen.

5 Gedanken zu “Was lernen wir vom Klopapier?

  1. Letztens nannte mich jemand zynisch, weil ich auf die Natur hinwies, die durch die reduzierte menschliche Aktivität einen Moment zum Aufatmen bekäme. Ich freue mich, in deinem Artikel diesen und weitere meiner Gedanken wiederzufinden.

    Gefällt 3 Personen

    • Danke, es freut mich sehr, dass Dir der Artikel gefällt. Also ich finde es auch nicht zynisch, auf die Natur zu verweisen im Zusammenhang mit Corona. Ich denke, es wäre zynisch, immer so weiter zu machen wie bisher, obwohl wir genau wissen, welche gewaltigen Konsequenzen der ungebremste Klimawandel für uns alle haben würde. Was passiert z.B., wenn tropische Krankheiten bei uns verbreitet werden? Oder wenn der Meeresspiegelanstieg Städte wie Hamburg, aber auch einen Großteil der Niederlande und viele andere Küstenbereiche unter Wasser setzt, und somit weltweit Milliarden Menschen zu Flüchtlingen macht? Dagegen ist das Corona-Virus mit seinen Auswirkungen momentan nur ein laues Lüftchen – der ungebremste Klimawandel wäre ein Orkan. 🙂 Bleib gesund und schönen Sonntag

      Gefällt 2 Personen

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