Der Stern auf Erden

 

Heute kann ich mich endlich wieder zurückmelden, nachdem mich eine starke Angina komplett umgehauen hatte, mit 40 Grad Fieber und allem was dazugehört… Da wurde mir mal wieder klar, welches Glück ich habe: Denn neben der eigentlich guten Gesundheit, die man oft als viel zu selbstverständlich ansieht, lebe ich in einem Land, in dem man sich im Notfall auf die ärztliche Versorgung verlassen kann. Und in dem man dann eben, wenn alle Stricke reißen, auch ein Antibiotikum bekommt. Ja, und dann saß ich auf der Couch und sah einen Bericht über The World’s Big Sleep Out. Am 07.12. fand dieser Aktionstag weltweit statt, auch einige Promis beteiligten sich daran – um auf das Schicksal der vielen Obdachlosen hinzuweisen. Dazu schliefen tausende Menschen, die eigentlich ein Dach über dem Kopf haben, im Freien und einer der Interviewten sagte dann morgens: „Ich kann jetzt heimgehen, duschen und ins Bett. – Sie können es nicht. Ich weiß nicht, wie sie das überstehen.“ Ja, und während ich nun mit meiner Zitronen-Lutschpastille im Mund dasaß, so selbstverständlich im Warmen, fragte ich mich, was wohl ein Mensch ohne Obdach macht, wenn er krank wird. Der kann nicht einfach mal so zum Arzt gehen, sich auf die Couch setzen und mit Zitronen-Lutschpastillen den Hals betäuben. Der ist vielmehr ziemlich arm dran! – Auch in einem Land wie Deutschland. Grund genug, hier meinen Beitrag zum 3. Advent zu posten: Die Kurzgeschichte „Der Stern auf Erden“ habe ich für die Caritas Wohnungslosenhilfe Mainz geschrieben und möchte sie auch hier einfach mal posten. Ich wünsche euch allen einen schönen und besinnlichen dritten Advent.


Mehr als tausendmal hatte sie den Nachthimmel angeschaut, doch konnte sich nicht sattsehen. Er war so unberührt, wie nichts auf der Welt. Wenn es eine Konstante gab, dann war es der Himmel. Immer zu Weihnachten hatte sie mit ihrer Mutter diesen einen hellen Stern angeschaut und sich vorgestellt, das sei der Stern von Bethlehem. Dann waren sie in die Kirche gegangen, hatten gesungen, gebetet und später ihre Geschenke bekommen. So lange, bis sie elf war. Da starb Mutter, und mit ihr ein Großteil von Vater. Während sich sein verbliebener Rest um die Besinnung trank, wild um sich prügelte und die Arbeit verlor, begann auch in ihr etwas langsam abzusterben. Erst war es das Lächeln, dann die Liebe, schließlich die Hoffnung. Sie ertrug das alles nicht mehr, floh mit sechzehn vom abhängigen Vater, nur um beim abhängigen Freund zu landen. Sie schliefen unter der Brücke, bettelten in der Fußgängerzone. Doch man hatte oft nur Spott, Ausgrenzung und Anfeindung für sie übrig, bespuckte sie, trat nach ihnen und bewarf sie mit Steinen. Dabei starb in ihr auch noch das letzte Stück Vertrauen und sie machte sich alleine auf den Weg in die große Freiheit.  Raus aus dieser kranken Welt, weg von Verlust, Gewalt und Verletzungen. Sie suchte sich ein schönes Plätzchen im Gestrüpp nahe des Rheins. Die trocknen Winternächte waren erträglich, doch wenn die Feuchte in die Kleider kroch, verband sie sich mit der Einsamkeit jeder neuen Heiligen Nacht.

Ein Blick zum Himmel: Dort leuchtete wieder dieser helle Stern. Der Stern von Bethlehem, hatte ihm seine Großmutter immer weismachen wollen. „Was für ein Mumpitz. Da oben gibt’s doch keinen, wer soll das denn sein? Junge, jeder ist seines Glückes Schmied. Und wenn Du nicht schaust, wo Du bleibst, gehst Du unter!“, hatte sein Opa dann immer gesagt. Oma war dann zum Ofen gegangen, hatte den Weihnachtsbraten auf den Tisch gestellt und leise ihr Gebet gesprochen, während Opa, Vater und Mutter bereits aßen. Dann gabs einen Haufen Geschenke und das wars.
Irgendwann starb Oma und er ging seinen Weg, machte das Abi, studierte BWL, fand einen gut bezahlten Job, eine schöne Frau, baute ein Haus, wurde Vater. Doch dann wurde er depressiv. Er hatte alles, was man sich wünschen konnte, doch war nicht glücklich. Alles schien so leer, er fühlte sich hohl wie eine Hülse. Wo war der Sinn? Sie konnten sich leisten, was sie wollten, doch wenn sie es hatten, wollten sie mehr.

Wo war denn das Glück? War das nur dieser schöne Schein?

Was für ein schöner Schein! Dieses Jahr strahlte der Stern besonders glanzvoll und wehmütig drängte die Erinnerung zurück in ihr Bewusstsein. Der Stern erhellte ihre Gedanken und zeigte dieses große Loch, das in ihr klaffte: Ein Loch, das die Freiheit in sie gerissen hatte. Sie vermisste ein Heim. Ein warmes Essen, ein paar nette Worte, eine Dusche, ein Bett, eine Wand, ein Fenster, ein Licht zum Ein- und Ausschalten und eine Kerze, die nicht beim nächsten Windstoß wieder erlosch.

Nachdenklich zündete er den Docht der Kerze auf dem Grab seiner Großeltern an. Dabei kam ihm in den Sinn, dass seine Oma immer eine Kerze angezündet hatte, wenn er nicht schlafen konnte. „Die Dunkelheit kann noch so groß sein. Wer eine Kerze anzündet durchbricht mit ihrem Licht alles.“ „Aber die arme Kerze schmilzt ja dadurch weg.“, hatte er damals seiner Oma geantwortet. „Die gibt gerne ein Stück ab. Glück ist das Einzige das sich vermehrt, wenn man es teilt. Der Kerze wird es dabei ja auch schön warm und sie erstrahlt in einem wunderbaren Glanz. Das macht auch sie glücklich.“
Glücklich wusste er nun, was er tun konnte gegen seine Leere. Er fuhr dorthin, wo er sich vorstellte, dass er am meisten gebraucht würde: Zu einer Wohnungslosenunterkunft
Der Stern strahlte wieder am Himmel und er stand da wie einer dieser Heiligen Drei Könige.

Sie ging auf den Eingang der Wohnungslosenunterkunft zu und sah zum Himmel, wo der Stern noch heller zu funkeln schien. Dann sah sie einen Mann, der auf sie zukam. „Frohe Weihnachten“, sagte er und streckte ihr die Hand entgegen.
Nun schien es beinahe so, als sei der Stern vom Himmel gestiegen und strahlte in den Augen der Beiden: Im Glanz der Heiligen Nacht

kerzeneu

Die Geschichte habe ich für den Spendenbrief der Caritas Mainz geschrieben, deren Arbeit ich gerne unterstütze. Sie betreibt in Mainz das Taddäusheim, aber auch in Bingen eine Herberge speziell für wohnungslose Frauen. Dabei leistet man eine äußerst wertvolle Arbeit und gibt den Menschen das, was sie brauchen: Eine Heimat auf Zeit, eine warme Bleibe, medizinische Versorgung, Unterstützung und stets ein offenes Ohr. Ich habe mir selbst schon bei einem Rundgang das Taddäusheim angeschaut und mich über diese wichtige Arbeit informiert. Daher habe ich bereits im Jahr 2018 bei meiner Lesung zugunsten der Wohnungslosen-Herberge in Bingen Spenden gesammelt. Gerade zu Weihnachten leiden sehr viele Menschen auf der Straße nicht nur unter der Kälte, sondern einfach auch unter fehlender Heimat und Familie.
Die Caritas sorgt sich um sie, bietet ihnen eine Heimat auf Zeit und vielleicht möchte sie ja der eine oder andere finanziell unterstützen?

Die Bankverbindung lautet:
IBAN: DE28 3706 0193 4003 5000 18
BIC: GENODED1PAX
Stichwort: Ein Bett

Auch ehrenamtlich kann man sich übrigens engagieren.
Ein Anruf genügt unter: 06131-53010-14
oder per Mail: Wohnungslos@thaddaeusheim.de

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