Hier und jetzt!

Im Hier und Jetzt!

Heute hab ich den Feiertag trotz nasskaltem Wetter genutzt und war ein bisschen in den Weinbergen unterwegs. Dabei bin ich bewusst nicht schnell gelaufen, sondern eher geschlendert. Ich habe mal beobachtet, welche Dinge meine Aufmerksamkeit auf sich zogen, wo ich doch eigentlich nur ein bisschen Geh-Meditation üben wollte. Dabei habe ich einmal mehr festgestellt: Die Feststellung, dass unsere Gedanken oftmals wie ein Affe im Kopf umherspringen, passt ganz gut.

Als ich losgelaufen bin, habe ich mich auf meine Atmung konzentriert. Ich ging zwei Schritte während des Einatmens, drei Schritte während des Ausatmens und kommentierte dabei still pro Schritt:
„Ein, ein – aus, aus, aus …“ Der Atemrhythmus sollte dabei nicht beeinflusst werden, sondern die Schrittgeschwindigkeit sich nach dem Atem richten.
Das funktionierte etwa eine halbe Minute lang ganz gut. Dann sah ich diese Zigarettenkippe auf dem Boden liegen und dachte mir: „Was war denn das wieder für ein Vollpfosten?!“ Schon ging das Denken los: „Der hat bestimmt noch nichts davon gehört, wie viele Gifte in einer solchen Kippe stecken und wieviel Wasser eine solche Kippe verseucht. Man müsste eine Info-Kampagne starten. Aber Moment, soll ich die Kippe nicht aufheben? Nein, das wäre jetzt doof. Ich hab ja keine Tüte dabei. Obwohl, eine Kippe könnte ich auch so tragen… Ach nein, da liegt ja noch eine, und dort noch eine, und noch eine, … Und da ein Stück Plastik. Alles schön verdreckt. Nächstes mal nehm ich mir ne Tüte mit.“

Mist – ich war wieder am Denken, die Konzentration auf die Atmung war unterbrochen. Und mir wurde einmal mehr bewusst: Achtsamkeit ist gar nicht mal so einfach.

Dabei ist es doch simpel: Das Leben findet nicht in der Vergangenheit statt, auch nicht in der Zukunft, sondern nur im Hier und Jetzt. In der Gegenwart lebt man und sollte sich daher auch auf den Moment konzentrieren.
Soweit die Theorie, doch die Praxis sieht deutlich schwieriger aus.

Ich startete nun einen neuen Versuch und konzentrierte mich einfach nur auf die Schritte, auf die Landschaft und ließ alles auf mich wirken. Die Rebstöcke in Reih und Glied, das nasse Gras am Boden, den tristen Himmel…
Doch da war noch mehr: Das Tropfen vom Nebeltau in den Bäumen war als sanftes Rascheln zu vernehmen, in der Ferne rief ein Fasan, in einem Hagebuttenstrauch wuselte eine Kohlmeise herum und plötzlich sah ich, dass hier noch einige der letzten Wespen des Jahres durch die Gegend summten und sich an verbliebenen, verdorrten Trauben den Zucker besorgten, den sie brauchten. Ich hörte bewusst auf meine Schritte im Gras und für einen Moment lang war ich ganz präsent in diesem Augenblick. Es war nicht lange, doch es war so, als erhellte sich für diesen Zeitraum meine Sicht ein Stück weit.
Hey, das hatte ich meinem Achtsamkeitstraining zu verdanken und das Gefühl war einfach toll!
Ich musste das fortsetzen und weiter üben, am besten öfter als bisher. Ich würde mir weitere Übungen selbst auf den MP3-Player sprechen und mit ihnen dann regelmäßig trainieren. Und dann würde ich noch öfter einen solchen Moment erleben, den ich gerade durchlebte.
Das hieß: Den ich durchlebt hatte, denn mit meinen euphorischen Gedankengängen war ich schon wieder raus aus dem Spiel…

Blume mit Nebeltau

Während ich mich ein bisschen darüber ärgerte, erkannte ich plötzlich eine Blume, die zwischen dem ganzen Herbstlaub blau blühte. Da kam ich einfach nicht drumherum, ein paar Bilder zu schießen und vor allem, mir die Blüte ein wenig genauer anzuschauen.
Ich trat also näher und machte mit meinem Handy einige Bilder. Ich sah mir diese Blüte mit ihren Tautropfen von allen Seiten an und bewunderte diese Schönheit.

Blume mit Nebeltau in Nahaufnahme

Mir kam in den Sinn, dass an Allerheiligen ja allen Heiligen gedacht wurde. Und die Natur trägt diese Heiligkeit in sich. Ob man sie nun als Gottes Schöpfung ansieht oder als Wunderwerk der Evolution – oder vielleicht als beides… Am Ende ist es egal!
Die Natur trägt so viele Wunder in sich, dass sie uns eigentlich heilig sein sollte. Sie erhält uns am Leben, ja, sie hat uns unser Leben geschenkt. Jedem offenbart sie ihre Schönheit und gibt ihm die Möglichkeit, Kraft aufzutanken und das Seelenheil zu fördern.
Und wir? Verehren schöne Autos, neuste Handy-Modelle, PCs, Architektur und Geld, während wir seelenruhig zusehen, wie sie nebenan einen alten Baum fällen, eine Wiese planieren oder einen Fluss vergiften.

Ich schob die Gedanken beiseite und suchte nach weiteren kleinen Wundern, um sie mir anzuschauen und zu fotografieren.

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Auch das ist eine Art von Achtsamkeitsübung: Sich auf eine Blüte oder ein anderes Objekt zu konzentrieren, und dabei alles andere drumherum zu vergessen. Das funktioniert bei mir ganz gut, vor allem beim Fotografieren.

Nebeltau auf einem Blatt
Nebeltau auf einem Blatt

Eigentlich ist der Nebeltau ja nichts Besonderes. Es ist nur Wasser. Und wenn es sich auf Blättern und Blüten sammelt, ist das auch nichts Großes.
Doch am Ende ist es nichts Geringeres als ein Wunder, oder? – Diese Schönheit!

Und so gedachte ich am Ende vor allem diesen heiligen Momenten, diesen Wundern der Natur, die wir sehr einfach übersehen, wenn wir durch die Welt hetzen. Und die wir dann doch sehen können, wenn wir uns achtsam umschauen.

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