Die Geschichte des Fläschchen-Mannes

Er hielt die Hand in der Tasche, das Fläschchen als Lebensversicherung umklammert. Mit ihm konnte er die Aliens überzeugen, ihn nicht abzuweisen!

„Wir kommen in Frieden.“, hatten manche angekündigt. Diese Gutmenschen glaubten an das Wohlwollen. Schon auf der Erde hatte er sie gehasst: Vertrauensvoll hatten sie jedem und allem helfen wollen, hatten Flüchtlinge bei sich aufgenommen, mit Hungernden ihr Essen geteilt. Sie halfen stets, aber wenn sie selbst einmal Hilfe brauchten, kümmerte es bestimmt keinen von denen…

Überhaupt – wie viel weiter waren diese Gutmenschen nun gekommen? Genausoweit wie er, zu einem Planeten bei Alpha Centauri.
Hundert Personen hatten in ihrem Raumschiff Platz gefunden. Der Rest hatte eines der anderen dreihundert Fluchtschiffe ergattern müssen, die Schwächsten waren zurückgeblieben. Man konnte ja nicht allen helfen…

Zwei Jahre waren sie gereist, hatten sich mit geschmackloser Vitalstoffpampe ernährt, täglich auf dem Laufband trainiert, Mentaltrainings durchgeführt, um nicht durchzudrehen.
Schon als sie den Asteroidengürtel und Pluto passiert hatten, war die Sonne nur noch ein Punkt, alles war von eisiger, ewig erscheinender Dunkelheit umgeben – draußen und in ihren Herzen.

Doch nun hatte das Warten ein Ende, sie waren auf der Welt mit den zwei Monden am Himmel gelandet. In der Nähe blühte eine Wiese mit süß duftenden Blumen und riesigen Kleeblatt-Blättern.
Einige Aliens hatten sie in Empfang genommen, deren Köpfe deutlich länger, die Augen größer und die Ohren kleiner waren als die der Menschen.  Es dauerte, bis die Laute der Fremden von einem Computer übersetzt werden konnten:
„Ihr kommt in Frieden, und tragt doch die Saat des Todes bei euch?!“ Einer der Aliens deutete in Richtung des Fläschchen-Mannes. Konnte der Gedanken lesen?
Nervös zog er seine Lebensversicherung hervor, hielt sie hoch. „Dies ist ein genetisch veränderter Erreger, der auch eurer Welt den Tod bringen kann. Lasst mich bleiben, oder ihr werdet es bereuen!“
Das Wesen schüttelte den Kopf und das Fläschchen verschwand aus der Menschenhand, um in der des Außerirdischen wieder zu erscheinen.
„Wir haben nichts damit zu tun, wir wussten nichts davon! Macht mit ihm was ihr wollt. Aber lasst uns bleiben!“, schrie eine Menschenfrau hysterisch.
„Bestraft ihn, nicht uns!“ Viele Erdlinge stimmten mit ein.

Der Alien hielt die Flasche hoch.
„Seht her! Nicht in ihr steckt euer tödlichstes Gift, sondern in vielen von euch selbst! Habt ihr noch immer nichts gelernt aus dem Mord an eurer Mutter?
So schön eine Blume auch ist – sie blüht nicht ihrer selbst wegen. Sie gibt Insekten und Vögeln Nahrung, erfährt als Dank die Verbreitung ihres Seins. Ihre magischen Blätter entfalten die Wirkung nicht zum eigenen, sondern zum Wohl anderer.
Denn die Blume weiß genau: Ist jeder sich selbst der Nächste, ist keiner der Nächste des Anderen. Alle sind allein, kämpfen ums Überleben, gehen unter und sterben auf ihre traurig-einsame Weise inmitten des Paradieses…

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