Die Geschichte vom Apfel in der Wüste

Läuft ein Mensch durch die Wüste. Überall ist Sand und Weite, doch plötzlich erkennt er ein Schimmern und läuft darauf zu. Da steht doch tatsächlich ein Korb mit Äpfeln zwischen den Dünen, und direkt neben ihm liegt ein großer Brocken Gold. Gerne möchte er beides mitnehmen. – Diese saftig-roten Äpfel und das golden schimmernde Fundstück. Doch er muss sich entscheiden, denn er kann nicht alles tragen. Was macht er also? Nein, da muss er nicht lange überlegen. Er nimmt das Stück Gold und lässt die Äpfel zurück. Wenn er erst einmal reich ist, kann er sich schließlich seine eigenen, riesigen Apfelplantagen leisten! Er geht weiter durch die Gluthitze, läuft voller Vorfreude durch die Dünen, einen Weg zur Oase suchend, und stirbt schließlich an Wassermangel.

Verrückt, oder? Doch irgendwie erinnern mich die Geschehnisse um Notre Dame genau an einen solchen Menschen. Die Traurigkeit über den Brand in diesem – zugegeben imposanten und geschichtsträchtigen – Gebäude… Die Welle der Spendenbereitschaft, die innerhalb weniger Tage fast eine Milliarde Euro zustande brachte… Die aus Solidarität läutenden Glocken im Mainzer und Kölner Dom, oder dem Freiburger Münster…

Vor noch nicht allzu langer Zeit veröffentlichte Papst Franziskus die „Enzyklia laudato si“ aus Sorge über das „gemeinsame Haus“ (Link zu Youtube – Video mit Lesung). Darin prangert er die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen an, die Vernichtung von Naturwundern, die Vergiftung der Ökosysteme, das vom Menschen verursachte Artensterben und den Klimawandel.
Mit Notre Dame wurde ein historisch wertvolles Gebäude beschädigt und wohl auch einige kulturhistorisch wertvolle Schätze zerstört. Doch was ist das bitte im Vergleich zur Zerstörung dieser Erde? Wo bleibt bitte die Solidaritätswelle für „unser gemeinsames Haus“, das uns alle am Leben erhält?
Zugegeben: In der Jugend keimt sie auf und manifestiert sich in den Freitags-Demos, auch in unseren Gesellschaften steigt zum Glück die Anzahl der kritisch Denkenden.

Die Verlockung des Goldes

Doch wenn es dann am Ende darum geht, selbst etwas zu verändern, wird es schwierig.
Der Flug in den Urlaub muss eben zweimal im Jahr sein. – Mindestens! Die Inlandsreise geht nicht schnell genug mit der Bahn, also fliegt man lieber…
„Bio“ ist ja gut und schön, „vegetarisch“ auch, und „vegan“ erstrecht. Aber echtes „Bio“ ist nicht so billig wie das Sonderangebot beim Discounter, und „Fleisch ist Lebenskraft“ – wie der Volksmund so schön sagt…
Im Mai gibt es deutsche Erdbeeren. Aber wenn man nun mal gerne im Januar frische Erdbeeren essen möchte, kauft man sie sich im Supermarkt. Auch wenn die tausende Kilometer transportiert wurden…
Ökostrom ist gut und schön, aber der billigste Stromanbieter bietet halt auch Einsparpotential. Beispielsweise um im Jahr ein drittes Mal mit dem Flugzeug durch die Gegend düsen zu können…
Feinstaub und CO ließen sich sehr gut mit einem sparsamen Kleinwagen reduzieren, aber es geht doch nichts über einen dicken SUV mit viel PS, oder einen sportlichen Flitzer…
Am Plastikmüll sind die anderen Schuld, vor allem die Industrie, und politisch haben sie ja auch schon auf EU-Ebene einiges verboten: Getränkehalme, Wattestäbchen zum Beispiel…
Das Insektensterben ist eine Katastrophe und da muss sich etwas ändern. Es ist ja schon so extrem, dass man im eigenen Schotter-Vorgarten zwischen Steinen und Figuren beim Versprühen von Unkrautvernichtungsmitteln keine einzige Biene mehr sieht…!

Es ist nicht alles Gold was glänzt…

Die Sorge ums „gemeinsame Haus“ ist leider bei weitem noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und vor allem oftmals nicht das Bedürfnis, an den Missständen tatsächlich etwas zu ändern. Also bauen wir lieber Notre Dame in fünf Jahren wieder auf. – Und warten darauf, bis Klimawandel und Artensterben alles zerstört haben, was uns am Leben erhält. Vielleicht überlebt dieses Gebäude ja dann sogar die Menschheit? Als Denkmal für alle edlen Spender.

Spender ist ein gutes Stichwort. Ich weiß, dass hierzu einige Prominente bereits klar Stellung bezogen haben. Doch ich finde es derart befremdlich, dass man wohlwollend für ein Gebäude in Not hunderte Millionen Euro spenden kann – und für ein Kind in Not nicht mal einen Euro investieren möchte. Das können auch Kinder im eigenen Land sein, die unter bitterer Armut leiden.
Und wie viele Menschen sind nochmal im Mittelmeer ertrunken, da sie aus ihrer existenziellen Not geflüchtet sind? Laut UNO-Flüchtlingshilfe waren das mindestens 2.275 – und das alleine im Jahr 2018. Das waren täglich sechs tote Menschen!
Laut Pro Asyl starben zwischen 2014 und 2018 weltweit mindestens 25.000 Menschen auf der Flucht – die Hälfte davon bei dem Versuch nach Europa zu gelangen. Ertrunken im Mittelmeer oder verdurstet in der Wüste. Darunter auch Kinder und Jugendliche.
Bewusst verhindern die Staaten am Mittelmeer, auch aufgrund fehlender Unterstützung durch andere EU-Staaten, die Rettung von Flüchtlingen in Seenot und lassen sie sehenden Auges ertrinken. Und die Kirchenglocken? Die läuten für keinen einzigen Toten im Mittelmeer – aber für verbranntes Holz und eine zerstörte Kathedrale allemal.

Was wird aus dem Apfel?

Heute ist Karfreitag und man fragt sich schon, was denn Jesus zu all diesem Treiben gesagt hätte.
Wäre für ihn die Rettung nur eines Kindes nicht mehr wert gewesen, als die Rettung dieser gesamten Kathedrale? Die Nächstenliebe steht ja grundsätzlich im Mittelpunkt des christlichen Glaubens.

Es ist absolut nichts daran auszusetzen, dass man dieses historische Gebäude erhalten möchte. Ob dies nun aus kulturellen, nationalen oder spirituellen Gründen geschieht. Ich war selbst nie in Notre Dame, kenne aber Kirchengebäude, die einen derart spirituellen Zauber in sich tragen, dass ich verstehen kann, warum Menschen der Erhalt der Kathedrale so wichtig ist.

Fanefjord-Kirche im Westen der dänischen Insel Mön
Die wunderschöne Fanefjord-Kirche auf der dänischen Insel Mön
Kleine Kirche - große Wirkung
Kleine Kirche – große Wirkung… Modellschiffe an den Decken, ein wunderschön gestalteter Altar und vor allem Kalkmalereien. Die Fresken sind über den gesamten Innenraum verteilt, zeigen die Genesis, den Sündenfall und das Jüngste Gericht. Die Kirche strahlt eine herrliche Stille aus, und wirkt zugleich extrem spirituell belebend.
Genesis - Die Schöpfung
Genesis – Die Schöpfung

Genesis - die Schöpfungsgeschichte

Die Genesis -

Der Sündenfall
Der Sündenfall
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Kreuzigung und Wiederauferstehung Jesu

Doch muss man sich schon die Frage gefallen lassen, wie es denn mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren ist, dass für eine christliche Kathedrale binnen kürzester Zeit fast eine Milliarde Euro gespendet wird, die zu Ehren eines Gottes gebaut wurde, dessen Schöpfung wir wissentlich zerstören, und dessen Lehren zur Nächstenliebe wir täglich mit Füßen treten.

Ich weiß: All das klingt fast so irre wie die Geschichte mit dem Apfel und dem Goldstück…
Doch die alles entscheidende und für die Menschheit wirklich existenzielle Frage wird am Ende tatsächlich lauten: Entscheiden wir uns für den Apfel, oder doch für das Gold!? Wir haben es in der Hand, jeder Einzelne von uns!

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