Kahlschlag Bodenheim - Nackenheim

Wenn Dich etwas stört…

Für den neuen Präsidenten und Rechtspopulisten Bolsonaro hat der Klimaschutz keine Priorität. Umwelt- oder Regenwaldschützer verspottet er und macht keinen Hehl daraus, dass der Artenschutz unter ihm keine Förderung erleben wird. Den Schutz indigener Völker, in deren Stammesgebieten oftmals noch unberührte Natur vorzufinden ist, stuft er ebenso als unwichtig ein. Wie kann man nur so unvernünftig sein, immer weiter Bäume fällen, Lebensräume vernichten und somit Klima- und Artenschutz ignorieren? – Die Frage keimte in mir auf. Als ich jedoch einen Spaziergang durch meinen Wohnort machte, drehte sich die Frage um: Ist es nicht vermessen, wenn wir auf Staaten am Amazonas mit dem Zeigefinger deuten, sie in ihrem Handeln kritisieren – und zugleich vor unserer eigenen Haustür den Klima- und Artenschutz mit Füßen treten?!

Schon seit Jahren beobachte ich in meinem Wohnort Bodenheim einen massiven Rückgang von Hecken, Sträuchern und Bäumen. Vor allem in den Weinbergen rund um die Gemeinde verschwinden immer mehr Hecken und Sträucher. Oft werden sie während der Vogelbrut-Saison förmlich nieder gemetzelt, mit brachialer Gewalt abgerissen, vor Ort gehäckselt und diese Reste landen teilweise in den Gräben. Dort staut sich das Wasser auf, es werden neue Reinigungsaktionen notwendig, die auch wieder massive und brachiale Eingriffe zur Folge haben.

Wenn ich mir das so anschaue, wundert es mich nicht mehr, dass es immer weniger Feldlerchen gibt. Es gibt so wenige Feldhasen, dass praktisch keine Jagd mehr stattfindet. Diese befürworte ich übrigens keinesfalls, doch wenn die Jäger nicht mehr zur Jagd blasen, ist das auch ein deutliches Zeichen für den Artenrückgang.
Wie lange werden angesichts fehlender Hecken im Feld noch Rehe durch die Gegend streifen? Was ist mit Igel, Fuchs und Marder?

Man holzt noch die letzten verbliebenen Reste Natur ab, sie fallen Straßen, Baugebieten oder Rodungsaktionen zum Opfer. Auch dieses Mal habe ich hierzu zwei Argumente gehört:

  1. Es würden ja Ersatzpflanzungen vorgenommen.
  2. Bei den gefällten Pappeln handele es sich ohnehin um Bäume, die „nicht ökologisch wertvoll“ seien. Außerdem seien sie gefährlich.


1.

Zu den Ersatzpflanzungen kam mir direkt die Frage in den Sinn, ob wir dann wohl besser der Amsel sagen, sie möge bitte ihre Eier der Saison für die nächsten 5-10 Jahre bei sich behalten. Erst dann könne sie gerne die inzwischen gewachsene Ersatzpflanzung nutzen. Vorausgesetzt natürlich, auch für die vielen zerstörten Hecken unterhalb der Pappeln werden Ersatzpflanzungen vorgenommen. Ansonsten die Amsel halt noch etwas länger warten…

Die Rehe suchten bis dahin bitte Schutz unter den Einkaufswagen-Stellplätzen der nahen Supermärkte. Dort könnten dann auch Vögel die vielen Essensreste in Einkaufswägen, Mülleimern und auf dem Parkplatz fressen, da man ihre Beerensträucher und Hecken vernichtet hat. Und man hat ja auch Ersatzpflanzungen vorgenommen, die irgendwann wieder Beeren tragen…

Die Fledermäuse müssten nach anderen hohlen Hölzern in der Umgebung Ausschau halten, bis so in fünfzig Jahren die Ersatzpflanzung eine passende Größe erreicht und morsches Holz zu bieten hätte. Und der Buntspecht möge sich doch bitte woanders Holz fürs Hämmern suchen. Dicke Bretter wären genug zu finden, bis die Ersatzpflanzung die nötige Größe erreicht hat.

Kurz gesagt: Eine Ersatzpflanzung kann erst nach vielen Jahren oder gar Jahrzehnten aus ökologischer Sicht zum Ersatz des abgeholzten Lebensraums werden. Wie bis dahin die Tiere überleben sollen, deren Lebensraum definitiv zerstört wurde, davon wird nicht gesprochen.

Ein Gartenschläfer - Opfer des Treibens
Ein Gartenschläfer – Opfer des Treibens

2.
Bei den Pappeln kann ich natürlich nicht beurteilen, wie gefährlich sie sind. Da viele von ihnen aber in einem dichten Gestrüpp standen, weit von der nächsten Straße entfernt, kann die Gefahr nicht so groß gewesen sein. Es mag sein, dass es ökologisch wertvollere Bäume gibt. Doch auch in den Pappeln können Vögel ihre Nester bauen, in ihrem Holz finden Spechte einen Platz für ihre Höhlen. Es können Insekten auf ihnen leben. Und die Hecken, die man als Unterbewuchs gerne unter den Tisch fallen lässt, waren ebenso Lebensraum und Nistmöglichkeit für Vögel und andere Tiere, Unterschlupf für Rehe. Nun hat man sie zerstört!

Kurz gesagt: Die Pappel mag nicht die ökologisch wertvollste Pflanze sein, doch ökologisch wertvoller als ein Kahlschlag dieses Ausmaßen zu Beginn der Brutsaison ist sie allemal.

Wenn auch etwas unscharft wegen der Entfertung: Ein Buntspecht...
Wenn auch etwas unscharf wegen der Entfertung: Ein Buntspecht…

Und genau das ist ein weiterer Punkt, der mich an der Sache stört: Man rodete schon in der Vergangenheit immer und immer wieder während der Brutsaison, oftmals ohne Not. Das ist für mich einfach unverständlich und es kann doch nicht sein, dass man von offizieller Stelle die eigenen Regeln nicht einmal einhält, oder die Einhaltung überwacht.

Das ist Grund genug für mich, nun endlich den Startschuss für eine Bürgerinitiative zu geben. Es tut mir in der Seele weh, was hier jedes Jahr passiert. Ich will und kann nicht mehr dabei zusehen, wie immer mehr Natur vor meiner Haustür zerstört wird, während wir alle von Brasilien (zu recht!) fordern, den Klima- und Artenschutz voranzubringen.

Auch wir müssen unseren Beitrag leisten. Und mit solchen Rodungen nach der Vorschlaghammer-Methode kann es einfach nicht mehr weitergehen.

Dabei ist der Schutz der Natur kein Selbstzweck. Eine auf Tourismus setzende Gemeinde wirkt nicht wirklich attaktiv auf Besucher, wenn Hecken niedergemetzelt werden, die Vögel und Bienen verstummen und die Weinberge zu monokulturellem Ödland werden. Auch der Naherholungsfaktor wird verbessert, wenn  die Natur mehr Platz erhält. Uns geht es einfach besser, wenn wir uns in der Natur bewegen, wenn blühende Blumen und Sträucher unsere Welt bereichern.

Ich habe letztens einen Spruch gelesen, der mir hier ganz passend erscheint:
Wenn Dich etwas stört, dann ändere es, ehe es Dich verändert.

 

 

 

 

 

 

 

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