Autobahn in Dänemark

Ich geb Gas, ich geb Gas…

Was haben Lungenärzte und die Autoindustrie gemeinsam? Offenbar gleiche Interessen – wo immer die auch liegen mögen. Ich meine, was bewegt sonst eine Gruppe von Lungenärzten dazu, die gängige Praxis der Schadstoffmessung in der Luft zu kritisieren, und vor allem die festgelegten Grenzwerte? Fahren sie selbst einen Diesel und wollen weiterhin in die Stadt dürfen? Oder wer hat sie engagiert? Böse Zungen – ich bin keine solche – könnten glatt darüber spekulieren, es war der gleiche, der auch den Bundesverkehrsminister „auf Spur“ gebracht hat. Der Akteur, der am meisten Nutzen von einem Stopp der Fahrverbote ziehen könnte, ist  die Autoindustrie. Und die hat ja bereits bei den Abgas-Skandalen ordentlich geschummelt, als es um die Werte ging. Warum sich jetzt das Spiel von irgendwelchen Gesundheitsaposteln verderben lassen…?

Kaum wurde Kritik durch diese kleine Gruppe aus hundert (teils bereits pensionierten!) Lungenärzten laut, die sich mit ihrer Position offen gegen die Reinhaltung der Luft positioniert haben, kam Minister Scheuer ins Spiel. Er bezweifelt die Grenzwerte und  wandte sich an die EU-Kommission, die doch bitte die Grenzwerte erhöhen solle.
Die Rechnung scheint einfach: Wenn die deutsche Autoindustrie schon nicht in der Lage ist, die aktuellen Grenzwerte einzuhalten, dann hat man sie gefälligst anzuheben!

Vom gesunden und ungesunden Menschenverstand…

Und dann kam auch noch eine von der Bundesregierung eingesetzte Klimaschutz-Beratungsgruppe auf die Idee, ein Tempolimit auf den Autobahnen auf 130 km/h könnte zu einer Reduktion der CO2-Emissionen beitragen. Herr Scheuer – selbst wohl gerne auf der Überholspur – kann dem nichts abgewinnen. Schließlich könne es ja nicht sein, dass wir überall eingeschränkt würden. Ein Limit sei ein Angriff auf den (Achtung!!!): „Gesunden Menschenverstand“

Da ist man doch baff angesichts einer derart klaren Ansage. Der „Gesunde Menschenverstand“ wird also angegriffen, wenn man über eine Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen diskutiert? Gibt es in Europa eigentlich ein einziges Land ohne Tempolimit? Sind die Dänen, die Franzosen oder Schweizer etwa dämlich oder gar dem Untergang geweiht, nur weil sie ihre Autobahnen mit vernünftigen Geschwindigkeitsbegrenzungen versehen haben?

Nein, das ist nicht der Fall! Vielmehr ist bei ihnen die Anzahl tödlicher Unfälle im Verhältnis niedriger und selbst die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Deutschland befürwortet ein Limit auf 130 km/h, da dadurch jährlich hunderte Leben gerettet werden könnten. Wer mit 250 km/h über die Autobahn düst, der kann in einer gefährlichen Situation zeitlich einfach nicht mehr reagieren, ehe es knallt!

Der Verkehrsminister – selbst ein Freund hoher Geschwindigkeit – lässt sich von diesen Argumenten nicht beeindrucken. Schließlich sieht er seinen „Gesunden Menschenverstand“ in Gefahr.
Und er zweifelt an der Wirkung von Tempolimits auf das Klima. Schließlich – so lautet das Credo – verursache ein laufender Verkehrsfluss weniger Treibhausgase, als ein stockender.

Mehr Gas = weniger Abgas

Dass es nicht darum geht, Staus zu verursachen, scheint den „Gesunden Menschenverstand“ nicht zu erreichen. Auch nicht folgende einfache Tatsache: Je mehr Gas man gibt desto mehr Abgas gibt man, denn man verbrennt mehr Treibstoff und sorgt somit für mehr CO2.

Auch das scheint nicht beim Minister oder der Bundesregierung anzukommen. Stattdessen kommt die Aussage: Es gäbe andere, intelligentere Lösungen für den Klimaschutz, als ein Tempolimit. Man darf gespannt sein, wie intelligent diese Lösungen angesichts der geballten Ladung „Gesunden Menschenverstandes“ sein werden…

Irgendwie scheine ich einen anderen „Gesunden Menschenverstand“ zu haben, als diese Volksvertreter. Das liegt vielleicht auch an der Tatsache, dass mein Auto ein Toyota Aygo ist, mit dem ich im Schnitt 5 l / 100 km Benzin im Stadtverkehr, und etwas unter 4 l / 100 km auf Schnellstraßen verbrauche.
Ein Tempolimit würde vor allem auch dazu führen, dass der Kauf von extrem PS-starken Gefährten nur noch wenig Sinn machen würde und die Autoindustrie umdenken müsste. – An eine Zukunft, die andere Autohersteller im Ausland bereits im Blick haben. Die deutsche Autoindustrie scheint diesen Trend zu verschlafen, auch wegen des fehlenden Tempolimits. Sie bringt vorwiegend nur extrem überteuerte Elektro-Modelle auf den Markt, die sich kein normaler Mensch jemals wird leisten können.

Doch um Grenzwerte einzuhalten oder gar zu unterschreiten, forscht man lieber weniger, sondern mogelt. Und bringt durch dieses Verhalten, diese Lügen und diesen Betrug u.a. Millionen Käufer von Diesel-Fahrzeugen an den Rand des Fahrverbots.
Ist das etwa der „Gesunde Menschenverstand“, mit dem ich nicht mithalten kann? Wenn ja, bin ich froh darüber!

Denn was wäre das für ein „Gesunder Menschenverstand“, der einer Aussage von hundert Lungenärzten vertraut, während tausende andere Lungenärzte in Deutschland genau eine gegensätzliche Position vertreten? – Aus meiner Sicht, ein recht bescheuerter!

Was mich jedoch am meisten freut, ist die Reaktion des zuständigen EU-Umweltkommissars Karmenu Vella auf die Anfrage unseres Verkehrsministers. Der teilte nämlich kurz und knapp mit, man werde die Anfrage bearbeiten und sei ohnehin dabei zu prüfen. Aber wenn der Grenzwert geändert würde, dann würde er strenger!

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2 Gedanken zu “Ich geb Gas, ich geb Gas…

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