Kraft der Tiere

Haustiere haben einen positiven Einfluss auf die Stimmungslage von uns Menschen. Alleine das Streicheln einer Fellnase beruhigt, senkt Herzfrequenz und Blutdruck, bietet Entspannung und Trost. Die meisten Halter von Katze, Hund, Hase & Co. können zudem ein Lied davon singen, wie empathisch ihre tierischen Mitbewohner sind. Wenn die nämlich spüren, dass es ihrem menschlichen Freund schlecht geht, kommen sie zu ihm und versuchen ihn aufzumuntern, schnurren oder stupsen ihn mit der Nase an, fordern zum Spielen oder Schmusen auf. Auch zwischenmenschliche Beziehungen werden durch Tiere gefördert, sie werden harmonischer. Eine Gruppe, die sich um ein Tier kümmert, erfährt mehr Zusammenhalt. Das kann man in einer Familie beobachten, in einer Schulklasse, im Büro – oder auch in einer Wohnungslosen-Herberge. Das erzählte mir Herbergsleiter Sascha Horn während meiner Krimilesung in Bingen am 29. November.

In der Wohnungslosen-Herberge Bingen steht ein Zimmer zur Verfügung, in dem Menschen mit Hund einziehen können. Anfangs habe es Bedenken gegeben, dass es durch einen tierischen Mitbewohner zu Konflikten oder Spannungen kommen könnte. Doch das habe sich nicht bestätigt.
Vielmehr sorge ein Hund in der Herberge für Zusammenhalt und mehr zwischenmenschliche Interaktion. Die Bewohner kümmerten sich, kämen über den Hund miteinander ins Gespräch.

Ich freue mich, dass ich durch die Lesung aus meinem Krimi „Unser aller Erbe“ zugunsten der Herberge einen kleinen Beitrag für diese tolle Einrichtung leisten konnte.

Cover
Jeder Mensch braucht ein zu Hause.“, lautet das Jahresmotto der Caritas und genauso ist es: Wohnungslose sind nicht nur dem Wetter ausgesetzt. Auch ihre Gesundheit leidet unter den Bedingungen, die ein Leben auf der Straße mit sich bringt.

Selbst Gewalt ist keine Seltenheit: Untereinander, aber vor allem auch durch andere Mitmenschen. Man denke nur an die unsäglichen Übergriffe gegen Obdachlose, die Brandanschläge, Gewalt oder Anfeindungen der letzten Jahre…

Ein Mensch braucht Sicherheit, und diese bietet eine Wohnungslosen-Herberge in einem gewissen zeitlichen Rahmen. Gleichzeitig braucht ein Mensch, der so ziemlich alles verloren hat, auch ein offenes Ohr, das er ebenso in der Herberge findet.

Hält ein Wohnungsloser einen Hund, ist dieser eine psychische und oft existenzielle Unterstützung. Er bietet ihm Sicherheit, Schutz, Liebe und Wärme.

Obdachlos – selbst schuld?

In die Wohnungslosigkeit kann man übrigens schneller abdriften, als man denkt. Schicksalsschläge, Krankheit, der Verlust eines Angehörigen oder traumatisierende Begebenheiten bringen schnell eine Abwärtsspirale in Gang.

Oft sind psychische Erkrankungen die Folge (oder auch die Ursache), wie Depressionen und Angststörungen. Diese können einerseits zu einer Flucht in Suchtverhalten (Alkohol, Drogen, etc.) führen, und sie führen meist zu sozialem Rückzug.

Je mehr ein Mensch sich zurückzieht, desto kleiner der Aktionsradius wird, desto schwieriger wird es für ihn, seine Krise zu überwinden.

Die Folge ist der Abbruch von Freundschaften, der Wegfall sozialer und familiäre Bindungen, das Ende einer Partnerschaft,…

Schließlich ist es einem Menschen, der unter einer massiven psychischen Erkrankung und / oder einer Sucht leidet oft nicht mehr möglich, einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Dadurch bricht das Einkommen weg, vielleicht noch die verbliebenen sozialen Kontakte und am Ende steht er alleine da. – Zusammen mit Rechnungen, die er nicht mehr bezahlen kann, und den gleichen Problemen, die ihn in die Situation getrieben haben, und die in ihrer Intensität noch zugenommen haben.

Wenn er dann nicht mal mehr seine Miete bezahlen kann, mental und psychisch erschöpft ist, und sich mit dem ganzen Papierkram von Hartz IV oder Sozialhilfe ohnehin nicht auskennt, fällt er durch das soziale Netz:
Er fliegt aus seiner Wohnung und landet auf der Straße. Und von dort kommt er so schnell nicht wieder weg:
Denn wer keinen festen Wohnsitz hat, bekommt keine Arbeitsstelle. Wer keinen Job nachweisen kann, wird bei der Vergabe einer Mietwohnung wohl nicht berücksichtigt werden.
Und wenn er dann auch noch weiterhin an einer Sucht und / oder einer psychischen Erkrankung leidet, steht er im wahrsten Sinne des Wortes im Regen.

Tiere als Kraftquelle und Halt

Für viele Wohnungslose sind ihre Hunde die einzigen Wesen, die ihnen treu geblieben sind.Der Hund als Gefährte

Nicht umsonst hatte ich bei meiner Lesung zugunsten der Herberge eine Passage gewählt, in der ein Wohnungsloser – in diesem Fall ist es eher ein „Aussteiger“ – seinen Hund verloren hat.

Herr Krause wird in der Krimihandlung von der Bevölkerung bereits als Mörder einer Frau angesehen, obwohl die Polizei mangels Motiv nicht gegen ihn ermittelt. Während Kommissar Kelchbrunner einer heißen Spur nach Island folgt, wird der Hund von Krause erschlagen aufgefunden. – Mit der Botschaft: „Erst sie, dann er, dann du!“

 

Der Verlust seines Hundes trifft den Mann schwer und er flüchtet sich in Alkohol. Kommissarin Juvanic versucht ihn zu trösten, doch hat damit keinen Erfolg. Krause scheint aufgeben zu wollen.

Schließlich findet die Kommissarin heraus, dass ein Anwohner den Hund nur deshalb getötet hat, damit der ungeliebte „Penner“ endlich die Gemeinde verlässt…

Nachdem die Lesung begonnen hatte und ich vor etwa zwanzig Zuhörerinnen und Zuhörern die Passage vorlas, in der das Opfer Anna Einardsdóttír mit einem Ast erschlagen wurde, öffnete sich plötzlich die Tür und es trat ein Mann ein, bei dem man direkt erkennen konnte, dass es sich um einen wohnungslosen Menschen handeln musste.

Nun war ich gespannt, wie er auf die Passagen mit dem Obdachlosen Krause und dessen getöteten Hund reagieren würde. Denn im Buch zeigt die Kommissarin klare Kante, was den Umgangston mit Krause angeht. „Penner sagt man nicht. Das ist ein sehr unfreundliches Wort!“, gibt sie ein paar Kindern zu verstehen, die abwertend über den Mann im Wingerthäuschen berichteten.

Als ich die letzte Passage gelesen hatte, kamen einige der Zuhörer zu mir, um ein Buch zu kaufen. Und schließlich kam auch der offenbar wohnungslose Mann zu mir, trat ganz nahe, als wolle er mir was ins Ohr flüstern.

Ein wenig mulmig war mir schon zumute. Wie würde er reagieren?

Es herrschte einen Moment Schweigen, und dann sagte er:
„Haste gut gemacht! Schön spannend, und auch lustig, richtig gut. Find ich gut, was du hier machst!“

Wir unterhielten uns einen Moment, er fragte, wo ich denn herkäme und sah sich das Buch noch einmal genauer an. Im Nachhinein hätte ich ihm gerne auch ein Exemplar mitgegeben, woran ich natürlich in diesem Moment nicht gedacht hatte.
Doch war dieses Gespräch für mich die Krönung eines ohnehin schönen Abends.

Was mich auch besonders freute war die Tatsache, dass ein wenig Geld für die Herberge zusammen kam. Natürlich war dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein und die Herberge freut sich über jede Spende:

Caritasverband Mainz e.V.
IBAN: DE28 3706 0193 4003 5000 18
BIC: GENODED1PAX
Verwendungszweck: „Ein Bett Herberge Bingen“

Näheres auch unter www.caritas-mainz.de

Die Erde als Heimat der Menschheit

Eine Brücke zwischen Wohnungslosen-Herberge und Ökokrimi konnte ich übrigens ohne Probleme schlagen: Das Motto der Caritas für 2018 lautet „Jeder Mensch braucht ein zu Hause.“. Das zu Hause der Menschheit ist wiederum die Erde. Wenn wir sie zerstören, zerstören wir auch das Heim vieler Menschen, die dann fliehen und anderswo ihre Rettung suchen müssen. Der Klimawandel wird dazu führen, der mit dem gierigen, rücksichtslosen Umgang der Menschen mit der Erde zusammenhängt.

Die Allgemeine Zeitung Bingen berichtete über den Abend.
Lesung Caritas Az Bingen

 

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