…sorgsam wieder hergestellt

Der Hambacher Forst ist längst mehr als nur ein Stück Wald, den es zu schützen gilt. Er ist zum Symbol geworden für eine wachsende Gruppe von Menschen, die einfach nicht zusehen möchte, wie man die Erde zerstört – und mit ihr die eigene Zukunft. Auch ich hatte vor kurzem u.a. mit einem Brief an RWE appelliert, den Hambacher Forst zu erhalten und diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen. Schließlich warb man ja lange mit dem Slogan: VoRWEg gehen, und so sollte man erwarten, dass dieser Konzern zukunftsweisende Arbeit leistet… Die Antwort erhielt ich nun per E-Mail und möchte sie hier einmal kurz vorstellen – ebenso meine Reaktion darauf.

KonzernkommunikationRWE@rwe.com hat am 28. September 2018 um 08:29 geschrieben:

Sehr geehrter Herr Jäger,

vielen Dank für Ihre Nachricht zum Thema Hambacher Forst.

Am 19. September hat sich das tragische Unglück im Hambacher Forst ereignet, bei dem ein Journalist gestorben ist. Das hat uns persönlich tief betroffen gemacht. Dies gilt genauso für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, besonders für die Kolleginnen und Kollegen im Tagebau Hambach. Unsere Gedanken sind bei dem Toten und seinen Angehörigen.

 Wir haben volles Verständnis dafür, dass jemand gegen etwas protestiert, das er für falsch hält. Um seine Meinung zu äußern und seinen Standpunkt darzulegen, haben wir viele Möglichkeiten in unserer Demokratie. Aber dieser Protest muss friedlich sein und im gesetzlichen Rahmen bleiben. Wir müssen dabei achtsam und anständig miteinander umgehen: auf allen Seiten.

 Der Hambacher Forst ist in den letzten Wochen zum Symbol gemacht worden. Wir brauchen aber keinen Streit um Symbole, sondern sachliche Diskussionen über die Energieversorgung der Zukunft. Wir würden Ihnen gleichwohl gerne einige Informationen zukommen lassen, um unsere Haltung besser zu verstehen.

Es gibt keinen Zweifel, dass RWE als großes Energieunternehmen im Sinne des Klimaschutzes einen wichtigen Beitrag leisten muss, um CO2 einzusparen. Das tun wir. Bei RWE haben wir einen eigenen Fahrplan entwickelt, um möglichst viel CO2 verantwortungsbewusst und auf der richtigen Zeitachse zu reduzieren. 2017 haben wir dafür bereits in Frimmersdorf zwei Braunkohleblöcke in die Sicherheitsbereitschaft überführt. Am Wochenende folgen zwei weitere Blöcke des Kraftwerks in Niederaußem und 2019 ein Block in Neurath. Mit Auslaufen des Tagebaus Inden um 2030 folgt das Kraftwerk Weisweiler. Dieser Fahrplan steht im Einklang mit der Energiewende, stellt Versorgungssicherheit her und gibt allen Beteiligten einen verlässlichen Rahmen. Von 2015 bis 2030 senken wir so die uns zurechenbaren Treibhausgase um 40 bis 50 Prozent.

Mit der Energiewende verändert Deutschland seine Stromproduktion und Stromversorgung grundlegend. Dabei gilt zu beachten, dass Deutschland und insbesondere Nordrhein-Westfalen ihren Wohlstand einer wettbewerbsfähigen Industrie verdanken. Sie ist auf bezahlbare Strompreise und eine sichere Versorgung angewiesen. Dafür benötigen wir für eine Übergangszeit auch noch die Braunkohle, die in unseren Tagebauen gewonnen wird. Sie sind energiewirtschaftlich notwendig. Diese energiewirtschaftliche Notwendigkeit hat die rot-grüne Landesregierung in ihrer so genannten „Leitentscheidung“ im Jahr 2016 bestätigt. Auch die amtierende Landesregierung aus CDU und FDP hat dies bekräftigt.

Der Tagebau Hambach trägt mit rund 15 Prozent zur Stromversorgung in Nordrhein-Westfalen bei. Bildlich gesprochen stammt der Strom jeder siebten Steckdose aus Hambacher Kohle. Die von der Aufsichtsbehörde genehmigten Rodungsarbeiten im Hambacher Forst sind Voraussetzung dafür, dass diese Kohle weiter abgebaut werden kann. Ohne sie käme der Betrieb in den damit belieferten Kraftwerken kurzfristig zum Stillstand. Denn Braunkohle kann nicht in großen Mengen gelagert werden. Sie wird direkt nach ihrer Förderung in den Kraftwerken verstromt. Ein kontinuierlicher Abbauprozess ist dafür zwingend erforderlich.
Rodungsarbeiten laufen dem Tagebau immer gerade so weit voraus, dass erforderliche Vorarbeiten – wie die Suche nach Weltkriegsmunition, und die archäologische Erkundung – abgeschlossen sind, bevor die Abbaukante des Tagebaus die entsprechende Stelle erreicht. Das ist aktuell auch im Hambacher Forst der Fall. Im vergangenen Jahr haben wir nicht gerodet. Darum besteht jetzt kein zeitlicher Puffer mehr, um die Arbeiten über die Rodungsperiode von Oktober bis Ende Februar hinaus zu verschieben.

Uns ist bewusst, dass mit einem Tagebau Eingriffe in die Natur verbunden sind. Um diese Auswirkungen so gering wie möglich zu halten, wird die Landschaft dort, wo die Kohle bereits gewonnen wurde, sorgsam wieder hergestellt, also rekultiviert. RWE Power hat bis heute im gesamten Rheinischen Revier rund 87 Quadratkilometer Wald neu angelegt. Die Rekultivierung gilt unter Fachleuten als vorbildlich. Auf der Sophienhöhe am Tagebau Hambach ist inzwischen ein wunderschöner Wald neu entstanden. Über 100 Kilometer Wanderwege erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Über 10 Millionen von RWE gepflanzten Bäume sind dort inzwischen herangewachsen. Die Sophienhöhe ist öffentlich zugänglich, so dass Sie sich auch gerne selbst ein Bild davon machen können. Wir würden uns darüber freuen.
Alle Fragen rund um die Rodungen im Hambacher Forst haben wir auf einer Internetseite im Detail dargestellt. Dort finden Sie unter anderem auch einen animierten Film, der die komplexen Zusammenhänge verständlich erklärt. Wir würden uns freuen, wenn Sie mal reinschauen: http://www.hambacherforst.com

Abschließend möchten wir Ihnen mitteilen, dass wir als großes Energieunternehmen die Energiewende aktiv unterstützen und unser Unternehmen dafür neu aufstellen. Durch unsere Transaktion mit E.ON entwickelt sich RWE in den nächsten zwei Jahren zum drittgrößten Produzenten von Ökostrom in Europa. Wir wollen kräftig in den Ausbau der Erneuerbaren Energien investieren. Denn je schneller es in Deutschland gelingt, Erneuerbare Energien und Stromnetze auszubauen, desto früher wird unser Land auf fossile Energieträger verzichten können. Dieser Entwicklung kann man aber, um die sichere und bezahlbare Stromversorgung nicht zu gefährden, nicht einfach vorgreifen. Insbesondere der Netzausbau kommt in Deutschland noch viel zu langsam voran.

Nochmals vielen Dank für Ihre Nachricht – ein sachlich und fair geführter Dialog ist uns wichtig.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihre Konzernkommunikation der RWE AG


 

Und hier kommt meine Antwort…

Sehr geehrte Damen und Herren der Konzernkommunikation der RWE AG,

zunächst einmal danke für Ihre schnelle und ausführliche Antwort.

Schade finde ich hierbei, dass Ihre Mail keinen Namen als Absender trägt, sondern nur die Bezeichnung „Ihre Konzernkommunikation der RWE AG“. Ich denke, für einen gesunden und fairen Dialog ist eine solche Distanzierung nicht sehr zuträglich.
Und ich kenne aus meinem eigenen Beruf natürlich die „anonymen“ und „automatischen“ Serienbriefe oder Massen-Mails und weiß, dass dies so üblich ist. – Zumindest, wenn man Massenpost verschickt, jedoch eher nicht in einen ernsthaften und fair geführten Dialog treten möchte.

Lassen Sie mich nun kurz auf das Inhaltliche Ihrer Mail eingehen.

Ich stimme Ihnen zu, dass die Diskussion sachlich geführt werden sollte. Hierzu trägt jedoch nicht die „Vorschlaghammer-Methode“ bei, mit der man radikal (und ohne zu diskutieren) den Forst mit Polizeigewalt räumen lässt. Dies sorgt vielmehr für eine Eskalation, die ich keinesfalls befürworte, die aber stattfindet! Die „Fronten“ verhärten sich von Tag zu Tag. Ich denke, man sollte sich endlich an den Verhandlungstisch begeben und somit der mehrheitlichen Meinung der Bevölkerung entsprechen, die offenbar ein Problem damit hat, dass angesichts eines nötigen Kohleausstiegs trotzdem einmalige Lebensräume fallen sollen, um neue Kohle zu fördern.
In einer Demokratie ist die mehrheitliche Meinung auch wichtig, wenn keine Wahlen bevorstehen – oder sollte es zumindest sein.

Vielleicht könnte man sich grundsätzlich am Verhandlungstisch fragen, ob es Alternativen gäbe, durch welche diese 100 Hektar Wald erhalten werden könnten.
Und ich denke kaum, dass durch einen (zumindest vorläufigen) Verzicht der Rodung die Versorgungssicherheit in Deutschland gefährdet wäre und Kohlekraftwerke ihre Arbeit einstellen müssten.
Wie Sie selbst formulierten, trägt der Hambacher Forst mit 15 Prozent zur Stromversorgung in NRW bei. Wie hoch läge der Prozentsatz, wenn man nur die Kohle, die unterhalb des 100 Hektar großen Forstes lagert berücksichtigt? Ich denke, er wäre verschwindend gering.
Wobei wir auch beachten sollten, dass Deutschland Millionen Kilowattstunden Strom exportiert, da wir einen Überschuss haben.

Ich denke daher, dass eine konstruktive Lösung für den Hambacher Forst möglich wäre – und die Eskalationsspirale durch eine umsichtige Reaktion Ihres Unternehmens durchbrochen werden könnte. Konsens ist hier gefragt.

Es ist lobenswert, dass RWE ehemalige Tagebaue renaturiert. Gerne werde ich mir bei Gelegenheit  die Sophienhöhe anschauen – vielen Dank für den Tipp.
Aus meiner Sicht sollten solche Renaturierungsmaßnahmen jedoch ohnehin selbstverständlich sein, wenn ein Unternehmen Bodenschätze entnimmt, Landschaft und Natur zerstört, um dadurch ordentlich zu profitieren. – Und natürlich auch die Stromversorgung sicherzustellen.

Die Renaturierung ist ein weiteres Stichwort, worauf ich kurz eingehen möchte.
Sie bedeutet niemals eine Instandsetzung in den Urzustand, also den Zustand vor der Rodung. Wer große, teils Jahrhunderte alte Bäume rodet, um nach Jahrzehnten des Kohleabbaus wieder neue, kleine zu pflanzen, der muss sich im Klaren sein, dass er ein funktionierendes Ökosystem nachhaltig und komplett zerstört hat! Und dass es viele Jahrzehnte dauern wird, bis sich hier ein neues Ökosystem etabliert hat, das mit dem alten in seiner Vielfalt jedoch nicht zwangsläufig mithalten kann.

Was geschieht beispielsweise mit den 140 bedrohten Tier- und Pflanzenarten im Hambacher Forst, wenn ihr Lebensraum abgeholzt wird, wenn sie nicht bereits selbst den Rodungsarbeiten zum Opfer fallen? Sie verlieren in jedem Fall ihre Lebensgrundlagen, und wenn in vielen Jahrzehnten das Gebiet irgendwann renaturiert wird, werden viele dieser Arten gar nicht mehr in der Region existieren, da man ihnen zuvor ja jeglichen Lebensraum genommen hat.

Ich bin daher stets skeptisch, wenn man davon spricht, dass die Landschaft „sorgsam wieder hergestellt, also rekultiviert“ würde.

Vor diesen Hintergründen appelliere ich erneut an Ihr Unternehmen, sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu werden und durch konkretes Handeln zu zeigen, dass man es mit der Nachhaltigkeit ernst meint. Kompromisse, wie der Erhalt des Hambacher Forstes, sind möglich. Und zwar, ohne die Versorgungssicherheit mit Strom oder die Gewinne von RWE zu gefährden.

Daher hoffe ich auf eine Entscheidung Ihres Unternehmens, welche umsichtiges Denken offenbart.

Vielen Dank

Mit freundlichen Grüßen

Torsten Jäger


 

Nun wirbt man übrigens mit dem Solgan: Zukunft. Sicher. Machen.

Und es erscheint mir persönlich unglaubwürdig, von Sicherheit zu sprechen, wenn man selbst gezielt dazu beiträgt, den Klimawandel weiter anzuheizen anstatt ein klares Signal zu geben. Ein Signal für den Kohleausstieg, für das Energiesparen und den Ausbau der Energieeffizienz, für erneuerbare Energien und gegen die weitere Nutzung fossiler Brennstoffe. Diese Chance hat RWE nun verpasst.

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