Der Wert des Lebens

Am Samstag war ich im Baumarkt unterwegs, um Holz und Schrauben für meine dritte Wachtel-Voliere zu kaufen. Denn ich konnte nicht anders und habe mich für ein „Happy End“ entschieden – anstatt für das Schlachten. Die Wachtel-Hähne sind nun mal fühlende Wesen und sie können nichts dafür, dass sie mit dem „falschen Geschlecht“ geboren wurden, keine Eier legen und deshalb ohne materiellen Nutzen sind. Und da alle Gnadenhöfe, die ich angeschrieben hatte, keine Wachtel-Hähne aufnehmen wollten oder konnten, habe ich mich entschlossen, dann eben meinen eigenen kleinen „Gnadenhof“ einzurichten… Als ich im Baumarkt das benötigte Material zusammen hatte, ging ich zur Kasse und mir stach ein Produkt ins Auge: Fluginsekten-Vernichter

Der Begriff wirkte für mich erst mal nur sperrig und er verschwand wieder aus meiner Aufmerksamkeit. Ich fuhr nach Hause, packte aus und irgendwann kam er mir wieder in den Sinn.
Ein Vernichter für Fluginsekten. Das klang so emotionslos, wie ein Fleckentferner oder ein Scheibenreiniger. Ein bisschen Fleckentferner auf die Hose und schon ist sie wieder sauber. Ein bisschen Spray auf die Scheibe, und schon ist sie wieder glasklar. Und ein Fluginsekten-Vernichter vernichtet lästige Fluginsekten.

Vom Wert des Lebens

Was zunächst banal klingt, ist in Wirklichkeit eine seltsame Entwicklung. Da werden Insekten vernichtet, wie Autos verschrottet und Papier geschreddert wird. Und es wird ein völlig emotionsloses Wort dafür verwendet, ein rein mechanisches. So wie bei der Massentierhaltung oder beim Schlachthof.

Macht es das einfacher? Für den Verkäufer schon. Denn mit dem Begriff „Fluginsekten-Töter“, „Qualtierhaltung“ oder „Tötungshof“ wären die Begriffe realitätsnaher, dafür aber weniger verkaufsförderlich. Die Käufer sollen nicht mit solchen Spitzfindigkeiten belastet oder gar zum Nachdenken angeregt werden.
Vielleicht käme in Zeiten des Insektensterbens ansonsten der eine oder andere auf die Idee, dass ein „Fluginsekten-Töter“ doch nicht so toll wäre, oder gar ethisch bedenklich.
Denn in diesem Gerät, das mittels UV-Licht Fluginsekten anzieht, um sie bei lebendigem Leibe zu verbrennen, landen nicht nur Stechmücken. Es werden auch andere Tiere von ihm angezogen. Was ist mit Nachtfaltern? Mit aufgeschreckten Wespen oder Wildbienen? Das Gerät besitzt keinen Türsteher, der so genannte Nützlinge von so genannten Schädlingen trennt. Dass diese Fluginsekten zuvor lebendig waren und Leben eigentlich etwas Wertvolles ist – darüber täuscht der rein technische Begriff eines „Fluginsekten-Vernichters“ sehr gut hinweg.

Was ist ein Schädling?

Dann steht ja auch noch die Frage nach dem Begriff des „Schädlings“ im Raum. Haben Stechmücken keine Daseinsberechtigung, die wirklich kleine Plagegeister sein können?
Aus Sicht des „Angezapften“, der sich mit juckenden Stichen herumschlägt, oder wegen des Sirrens einer solchen Nervensäge nachts kein Auge zutut, ist das Verständnis für eine Stechmücke vielleicht gering. Doch wenn wir im Großen und Ganzen denken: Hat sie keinen Nutzen für die Natur?

Die weiblichen Tiere benötigen Säugetierblut, um fruchtbare Eier ablegen zu können. Die Männchen stechen nicht mal, landen aber auch in der Vernichtungs-Maschine. Und beide Geschlechter sind Nahrungsquelle für Vögel, aber auch für Fledermäuse…
Mücken und Schnaken fallen ebenso dem Vernichtungs-Gerät zum Opfer. Ihre natürlichen Feinde, wie Vögel, Wespen oder Libellen, könnten ihre Arbeit verrichten, wenn man sie denn ließe. Und wenn man ihnen ihre Lebensräume zugestehen würde.
Das tut man vielerorts jedoch nicht. Vögel haben hier noch den besten Stand, Libellen finden immer seltener Gewässer für ihren Nachwuchs. Und Wespen? Die landen in so genannten Wespenfallen. Noch so ein Wort. In Wirklichkeit sind es Todesfallen, in denen sie zu Dutzenden qualvoll ertrinken. Dabei sind gerade viele der Wespenarten hervorragende Raubinsekten und ernähren sich von so genannten Schädlingen.

Umgekehrt werden großflächig Stechmücken bekämpft. Dies mag teilweise notwendig sein, doch im Ganzen betrachtet fallen durch diese „umweltfreundliche und biologische Bekämpfung“ Nahrungsquellen für Vögel und andere natürliche Feinde weg. Sie suchen sich anderswo Futter, vertilgen dann eben mehr Wildbienen, Falter, Käfer, von denen viele als Nützlinge gelten, um selbst überleben zu können. Über diesen Umweg treibt man das Insektensterben voran, anstatt es zu stoppen!

Sanfte Alternativen

Vielen Menschen ist das alles egal. Sie fühlen sich gestört durch die Wespen, wenn sie ihnen beim Essen draußen um die Nase schwirren. Auch sind sie genervt, wenn Stechmücken ihnen das Leben schwer machen. Da sind sie ganz froh, wenn ihnen die Industrie die moralische Entscheidung leichter macht, vom „Fluginsekten-Vernichter“ spricht anstatt vom „Insekten-Töter“.

Doch es gibt Alternativen, wie man sich vor Wespen genauso wie vor Stechmücken schützen kann. Und die kosten nicht mal so viel Geld, wie eine Wespenfalle oder ein „Fluginsekten-Vernichter“.
Ich weiß ja auch, wie Nerv tötend eine Stechmücke im Schlafzimmer sein kann, oder draußen beim Grillen in einer lauen Sommernacht.

Der wirkungsvollste Tipp, dass Stechmücken nicht ins Schlafzimmer kommen, ist das Anbringen von Fliegengittern. Die gibt es in der Zwischenzeit auch zum Kleben, sodass man nicht mal großartige Veränderungen am Fenster vornehmen muss.
Eine ganz natürliche Maßnahme, die noch weniger Aufwand erfordert, ist das Auslegen einiger Tomatenblätter auf der Fensterbank. Die Stechmücken meiden den Geruch von Tomaten und es werden sich daher deutlich weniger ins Haus verirren.
Für draußen beim Grillen gibt es bestimmte Kerzen, die Stechmücken vertreiben.

Und wenn man doch einmal gestochen wurde, muss man sich weder tagelang kratzen, noch eine kühlende Salbe in der Apotheke kaufen.
In der Pflanzenheilkunde gibt es ein höchst wirkungsvolles Mittel, das übrigens auch bei Bissen von Bremsen oder auch Stichen anderer Mücken hilft: Die Blätter des Spitzwegerichs.

Spitzwegerich
Spitzwegerich – erkennbar vor allem an den deutlich erkennbaren „Adern“ auf der Blattunterseite. Rundwegerich kann man auch verwenden. Bei ihm sind die Blätter einfach rundlicher, aber auch hier sind die Adern auf der Unterseite deutlich zu erkennen.

Man kann diese direkt von einer Wiese oder Grünfläche pflücken, abspülen, ein wenig zerquetschen, damit der Saft austritt, und diesen dann auf dem Stich verteilen. Wiederholt man diese Prozedur einige Male, entzündet sich der Stich deutlich weniger und man leidet nur unter leichtem Juckreiz.
Wer sichergehen will, den Wegerich stets zur Hand zu haben, kann sich auch eine Tinktur ansetzen. Dazu schneidet man die Blätter in Stücke, bis man ein verschließbares Glas damit locker füllen kann, übergießt alles mit hochprozentigem Korn, bis das Glas randvoll ist. Dann lässt man es etwas sechs Wochen stehen, siebt die Blätter ab und füllt den entstandenen Extrakt in kleine Fläschchen, die man dann immer mitnehmen kann. – Für den Fall der Fälle…

Hat sich ein Stich dennoch entzündet und juckt extrem, hilft eines extrem gut: Ein Fön!
Mit diesem erhitzt man den Stich bis kurz vor die eigene Schmerzgrenze mehrfach mit jeweils 30 Sekunden Zeitabstand. Durch die Hitze werden die Keime abgetötet und der Stich juckt nicht mehr.

Bei Wespen hilft es schon, wenn man seine süßen Speisen innen isst, und auch keine süßen Getränke auf den Tisch stellt. Oder man bietet den Tieren einige Meter vom Essenstisch entfernt einen keinen Teller mit einem Fitzelchen Fleisch oder Kuchen an. Bewährt hat sich auch Cola oder Limonade. Dann setzen sie sich gar nicht dem Stress aus, an die reich gedeckte Tafel mit schlagenden Händen zu fliegen.

Überhaupt: Schlagen sollte man nach den Tieren keinesfalls! Sie nehmen vor allem schnelle Bewegungen wahr, die langsamen ignorieren sie und fühlen sich daher nicht angegriffen, sondern allenfalls weggeschubst. Schieben hilft daher deutlich besser und trägt zudem zum friedlichen Miteinander bei. Und was sich als sehr wirkungsvoll erweist, ist ein kleiner, mit Wasser gefüllter Pumpzerstäuber. Sprüht man die Wespe in eine kleine Wasserdunst-Wolke, wird sie verduften und man kann wieder in Ruhe essen.
Mehr Tipps hierzu hält auch der NABU bereit.

Sticht eine Wespe dennoch, kann das im Extremfall lebensgefährlich werden. Speziell bei Stichen in den Mund oder gar in den Rachen ist ein Notarzt die richtige Wahl (112), und bis er eintrifft jede Menge Eis zum Kühlen.
Ein Stich außerhalb dieses sensiblen Bereichs bedeutet meist nur eines: Eine schmerzende, juckende, relativ begrenzte Stelle. Man sollte einen Sticht direkt mit einer halben Zwiebel einreiben, oder auch Essig aufbringen. Beides desinfiziert, neutralisiert das Wespengift ein Stück weit und kann allergischen Reaktionen vorbeugen. Auch das Aufbringen des zuvor erwähnten Spitzwegerichs verschafft Linderung.
Allerdings können trotzdem allergische Reaktionen auftreten. Wenn also die Schwellung übermäßig groß wird, Schwindel, Schweißausbrüche oder andere Symptome von Kreislaufproblemen hinzukommen, ist ebenso der Notarzt gefragt.

Wespen stechen deutlich leichtfertiger in die ledrige Haut eines Säugetiers als Bienen. Denn während die Biene bei einem Stich in die Haut ihren Stachel samt Giftblase und Leben verliert, kann die Wespe durchaus mehrfach zustechen und ist nach einem Stich weiter quicklebendig.
Zudem ist die Wespe eben auch ein Raubinsekt – zumindest gilt dies für die geläufigsten Arten. Sie lässt sich daher nicht so viel gefallen, wie eine Biene.

Unter den Wespen gibt es allerdings auch relativ friedliche und vor allem ängstliche Tiere, die den Menschen nur in höchster Not stechen würden. Von daher ist Wespe nicht gleich Wespe…
Auch hier bietet der NABU eine kleine Übersicht.

Übrigens stehen einige Wespenarten unter Naturschutz, und das Töten einer Wespe unter Strafe. Wieso gleichzeitig der Verkauf von Wespenfallen erlaubt ist, bleibt mir ein Rätsel und zeigt, dass die Politik hier mal wieder nicht konsequent genug ist.

 P.s.: Über das Wachtel-Happy-End gibt es in kürze auch noch einen Artikel… 🙂

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2 Gedanken zu “Der Wert des Lebens

  1. Der Tipp mit dem Fön ist gut, auch wenn es erst einmal verwundert.
    Mein Sohn kaufte sich ein entsprechendes erhitzbares Gerät, das auf den Stich gedrückt wird, bis es nicht mehr auszuhalten ist… sagt er und glaubt auch fest daran.
    Liebs Grüßle von Hanne und hab noch einen schönen Tag 🍀

    Gefällt 1 Person

    • Stimmt, von so einem Gerät habe ich auch schon mal gehört. Funktioniert aber auch sehr gut mit dem Fön. 🙂 Man glaubt es nicht, aber es klappt wirklich. Wahrscheinlich wirkt es ähnlich wie Fieber, das der Körper ja auch einsetzt, um Bakterien und Viren loszuwerden. Ein schönes Wochenende und liebe Grüße Torsten 🙂

      Gefällt 1 Person

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