Schuh ohne Kuh?

Mit dem Kauf unserer Kleidung entscheiden wir nicht nur über Farbe und Passform, sondern auch darüber, wie groß unser persönlicher ökologisch-ethischer „Fußabdruck“ wird: Kinderarbeit, sklavenähnliche Verhältnisse in Textil- und Schuhfabriken sowie auf Baumwollplantagen, kranke und ausgebeutete Menschen, vergiftete Natur. Und selbst das Leder der Schuhe stammt von gequälten Tieren.
– Doch diesen Schuh zieh ich mir nicht mehr an! –
So lautete zumindest mein Vorsatz, nachdem ich mich vor kurzem intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hatte, und mich auf die Suche nach dem passenden Schuh begab.

Grundsätzlich stand fest: Der Schuh sollte aus fairer Produktion stammen, ebenso seine einzelnen Komponenten: Keine Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur auf Baumwollplantagen oder in anderen Bereichen. Ich möchte schließlich Tierquälerei, Umweltzerstörung und menschenverachtende Gier nicht auch noch mit meinem Geld finanzieren und somit Umweltsünder belohnen.
Am besten sollten die Schuhe vegan sein, denn ich brauche nicht zwingend die Haut toter Tiere an meinen Füßen – zusammen mit giftigen Gerbstoffen, die nicht gerade gesund sein dürften.
Gleichzeitig sollte der Schuh natürlich gut aussehen,  alltagstauglich, stabil und auch bezahlbar sein. Ich hatte mir vor Jahren einmal ein paar „faire Schuhe“ gekauft, die nicht gerade billig waren. Die waren überhaupt nicht gut verarbeitet, drückten schon beim ersten Tragen an der Ferse, bis eine Blase entstand, und zur Krönung waren sie auch keine Schönheit.
Damit kann man keinen Blumentopf gewinnen, geschweige denn Käufer.

Holzschuhe?!

Ich entdeckte bei meiner Recherche nach fairer Kleidung relativ schnell die Plattform www.grundstoff.net. Sie hat einiges zu bieten, was nachhaltig und fair produzierte Textilien angeht. Sie ist wirklich einen Besuch wert.
Dort stieß ich dann auch auf Schuhe des Herstellers „Ethletic“ – Sneakers, die vom Aussehen her grundsätzlich meinen Geschmack trafen. Doch als ich Näheres las, war ich skeptisch.

Sollte ich mir tatsächlich ein paar Schuhe kaufen, die aus Baumwolle bestanden? Mich irritierte zudem, dass ihre Sohle ein FSC-Zertifikat für nachhaltige Forstwirtschaft trug. Was war denn das? Ich wollte mir doch keine Holzschuhe kaufen…!

Ich informierte mich näher und bald klärte sich das FSC-Mysterium auf: Die Sohlen bestanden nicht aus herkömmlich gefertigtem Gummi, sondern aus Naturkautschuk. Und dieser wurde in Plantagen angebaut, die nachhaltig nach dem FSC-Standard bewirtschaftet werden.

Ich sah mich auf der Website www.ethletic.com um und entdeckte, dass man hier tatsächlich großen Wert auf Nachhaltigkeit und Fairness legt:
Es wird Fairtrade-zertifizierte Biobaumwolle verwendet, der Naturkautschuk wird nicht nur in FSC-zertifizierten Wäldern angebaut, sondern auch auf natürliche Weise verklebt. Die Schuhe sind definitiv vegan und ihre Herstellung läuft unter fairen Arbeitsbedingungen ab.
Man informiert hier auch sehr transparent über die Herkunft der einzelnen Rohstoffe oder Komponenten und genießt das Vertrauen des „Weltladendachverbandes“.

Das überzeugte mich, und so kaufte ich mir ein Paar Ethletics. Ich war gespannt, denn ich habe eher breitere Füße im Zehenbereich und brauche daher mehr Platz. Oft ist es so, dass mir Schuhe in der Breite nicht passen, sie drücken, und ich muss sie schließlich in einer größeren Nummer bestellen. Doch bei den Ethletics war das anders. Sie passten gut, drückten nirgends und passten sich vor allem sehr gut an den Fuß an. In den ersten paar Tagen musste ich mich an den gummiartigen Geruch der Kautschuk-Sohle gewöhnen, der jedoch verflog.
Die Baumwolle wirkt sehr robust und gut verarbeitet. Ich habe sie direkt mit einem Spray imprägniert, das vor Wasser und Schmutz schützen soll. Hier habe ich ebenso eine relativ umweltfreundliche Variante gekauft. Ja, es gibt sie!

In Punkto Atmungsaktivität konnte ich einen Härtetest durchführen: In diesem Sommer herrschten ja nicht nur bei uns im Rhein-Main-Gebiet Temperaturen zwischen 35°C und 40°C. Und die Schuhe haben sich vor diesem Hintergrund durchaus bewährt.
Bleibt die Frage nach der Haltbarkeit, die ich jetzt noch nicht beantworten kann. Jedoch würde ich angesichts der offenbar sorgfältigen Verarbeitung behaupten, dass sie hier gut abschneiden werden.

Mein Fazit zu den Schuhen lautet: Es gibt die faire Alternative zu Billigware, die auf Kosten von Mensch, Natur und Tierwelt hergestellt wurde. Eine Alternative, die auch im Design oder dem Tragekomfort der Massenware in nichts nachsteht!

Sicher kann man mit einem Paar fairer Schuhe nicht die Welt retten. Angesichts der globalen Entwicklungen, vor allem auch auf politischer Ebene, erscheint der Kauf von ein paar fairen Schuhen erst mal nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Deshalb habe ich mir auch ein weiteres Paar gekauft… 😉
Nein, im Ernst: Es wirkt schon frustrierend, wenn man sieht, wie ein US-Präsident das Klimaschutzabkommen als überflüssiges Hemmnis ablehnt und mit seinem Land austritt. Oder wenn man auch in Deutschland Umwelt- und Klimaschutz nicht ernst nimmt, immer noch viel zu oft Produkte konsumiert, die unter menschenverachtenden Bedingungen hergestellt wurden.

Ein neuer Blickwinkel

Man kann die Welt mit einem Paar fairer Schuhe nicht retten, auch nicht mit einem zweiten Paar.

Doch was ich gerade bei meiner Ausbildung zum Psychologischen Berater lerne, ist die Eigenschaft des Gehirns, neuronale Netze so zu bauen, wie sie genutzt werden. Negative Gedanken bilden negative neuronale Verbindungen, und je mehr man von ihnen hat, desto öfter schickt das Hirn seine Gedankengänge über diese negativen Bahnen – mit entsprechend negativem Fazit. Denkt man dagegen positiv, fördert man die Bildung positiver Bahnen und somit positive Gedanken.

Eine besondere Art, eine offenbar alternativlose und frustrierende Angelegenheit aufzubrechen, ist das Reframing. Hierbei wird einer Sache ein neuer, positiver Rahmen geben.
Eine Änderung des Blickwinkels kann eine wundersame Wandlung bewirken und einem Umstand eine gänzlich neue Bedeutung geben.

So wie beim „Hippie mit einem Schuh“, den der wunderbare Autor Anthony de Mello in seinem Buch „Zeiten des Glücks“  beschreibt. (Link führt zu http://www.fairbuch.de)
Da stieg ein Mann in einen Bus und setzte sich neben einen anderen jungen Mann, der nur einen Schuh trug.
Und er sagte zu ihm „Du hast wohl einen Schuh verloren, mein Junge!“
Der junge Mann antwortet darauf: „Nein, guter Mann, ich habe einen gefunden!“

So kann man vielleicht mit dem Kauf von einem Paar fair produzierten Schuhen nicht die ganze Welt retten, dafür aber gleich mehrere kleine Welten:
Die der Arbeiter in den Baumwollplantagen, welche fair entlohnt werden, nicht wie Sklaven schuften müssen, und auch nicht durch den Einsatz von Giften krank werden. Vielleicht schafft man mit dem FSC-zertifizierten Naturkautschuk kleine Welten in Wäldern, in denen Vögel ihre Jungen ungestört großziehen können, genug Futter finden und neuen Lebensraum. Wo Insekten ihren Nektar finden, und Kleinsäuger ihre Bauten einrichten können. Vielleicht verbessert man die Welt einer Familie, in der die Eltern nie eine Schule besuchen konnten, und die nun ihren Sohn in die Schule schicken können, da sie fair entlohnt werden.

Ja, vielleicht rettet man am Ende mit einem Paar fair hergestellter Schuhe mehr Welten, als man zunächst vermutet hätte…!

Je mehr Menschen diese Art der Weltverbesserung praktizieren, je mehr kleine Welten so geschützt, gerettet oder neu geschaffen werden können, desto mehr wird sich auch in der großen Welt etwas zum Guten verändern.

Und besteht die Erde am Ende nicht tatsächlich aus vielen Milliarden kleiner Welten, kleiner Realitäten, die – jede für sich – für den Einzelnen, der in ihnen lebt, am Ende doch alles bedeutet?

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