Die Lösung: Das Quietsche-Entchen-Verbot

Endlich tut sich was in Sachen Plastikvermeidung. Die EU-Kommission macht ernst. Jetzt hagelt es Verbote, damit die Meere nicht weiter vermüllt wird, die Natur nicht weiter verdreckt und vergiftet. Jawohl – die EU verbietet Wattestäbchen, Luftballonhalter, Strohhalme und Stäbchen zum Umrühren von Getränken. Außerdem hat sie Plastik-Einweggeschirr und ausrangierten Fischernetzen den Kampf angesagt. Auf der Verbotsliste fehlen dann nur noch die Quietsche-Entchen und schon wäre die Natur gerettet. Denn sonst treibt ja nichts dort draußen in den Weiten der Meere, sonst liegt nichts mehr in der Natur und wartet Jahrhunderte auf seine Zersetzung… Luftballons könnten auch noch auf der Liste stehen, doch die kann man natürlich nicht verbieten. Wo sollte man ansonsten die viele heiße Luft unterbringen, mit denen man vor den Europawahlen 2019 zeigen möchte, dass man sich den gigantischen Müllstrudeln der Meere annehmen wird?

 

 

Das Positive an der Meldung ist: Die EU-Kommission hat ein Maßnahmenpaket geschnürt, das sie den Mitgliedsstaaten und dem EU-Parlament vorlegen wird. Sie hat das Problem erkannt und auch alte Fischernetze im Visier, die nicht nur die Meere und Strände verdrecken, sondern auch Todesfalle für viele Tiere werden.
Doch dieses Paket kann sie nicht selbständig umsetzen. Sie muss es den Mitgliedsstaaten und dem EU-Parlament vorlegen. Diese werden darüber beraten und abstimmen müssen.
Da zu dem Plan gehört, dass die Mitgliedsstaaten 80 Cent pro nicht recyceltem Kunststoff an die EU zahlen müssen, ist abzusehen, dass die Umsetzung dieser Vorschläge Jahre dauern wird. Und zu befürchten steht, dass am Ende nur ein verwässerter Kompromiss herauskommt. Auf Kosten der Natur und der Zukunft.

Der Plastikwahn

Doch selbst, wenn irgendwann Wattestäbchen, Luftballonhalter und  Strohhalme verboten würden, wäre das bei weitem nicht genug. Vielmehr ist diese Vorschlagsliste ein Witz und wäre ideale Grundlage für Satire.

Allein im Jahr 2014 wurden alleine in Deutschland drei Milliarden Kapseln für Kaffee-Systeme aus Kunststoff produziert. Sicher sind es heute nicht weniger geworden. All dieses werden kurz genutzt und landen direkt wieder im Müll und im Zweifel auch im Meer. Und wie viele Milliarden Tüten zum Einfrieren von Lebensmitteln landen wohl jährlich im Müll? Oder was ist mit den vielen Joghurt-Bechern, die täglich über die Ladentheke wandern? Gummibärchen werden in kleine Tütchen gepackt, die wiederum in eine Tüte gepackt werden, ebenso wie Bonbons. Manche Lebensmittelverpackungen erinnern heute mehr an diese russischen Matrjoschka-Puppen, die man zehnmal öffnen kann und eine jeweils kleinere Puppe kommt zum Vorschein. Viele Tomaten gibt es in Plastikdöschen, nicht lose. Äpfel schweißt man in Plastikverpackungen ein, auch Salatgurken sowie sehr viel anderes Obst oder Gemüse.

Fünf Scheiben Edamer – eine riesen Plastik-Verpackung… Sechs Scheiben Wurst, und wieder eine Kunststoffhülle. Camembert – Plastikfolie… Schokoriegel – Plastikverpackung… Müsli, verpackt in Plastiktüten. Wasser, verpackt in Plastikflaschen, ebenso viele andere Getränke. Glasflaschen sind zunehmend auf dem absteigenden Ast. Die Tetra-Packs enthalten neben Papier einen Anteil von Plastik, und beides lässt sich nur schwer wieder trennen.

Auch für den Versand verpackte Waren enthalten luftgefüllte Plastikteile und man bekommt viel zu oft ein riesiges Paket zugesandt, auch wenn man nur eine kleine Dose Katzenfutter bestellt hat. Speziell Express-Versender ahmen die Matrjoschka-Taktik nach. Sie stecken einen kleinen Umschlag in eine große Versandtasche und diese packen sie in eine Plastikhülle, um sie dann zu versenden.

Tintenpatronen sind in Plastikverpackungen gehüllt, die wiederum gesondertes Plastik im Inneren enthalten.

Elektrische Zahnbürsten sind gut gegen Karies, entfernen den letzten Rest Plaque. Da fällt die Tatsache leicht unter den Tisch, dass man den gesamten Bürstenkopf alle 4-6 Wochen austauschen muss, da sich die Borsten verformen und die Reinigungswirkung zurückgeht. Er landet dann eben im Müll, ein Metallstab in dem Kunststoff erschwert das Wiederverwerten.

Wer sich angesichts dieser ganzen nervenaufreibenden Umweltsünden einen Tee kaufen möchte, der muss nicht selten erst mal die äußere Kunststoffhülle des Kartons entfernen, um an die Beutel zu gelangen, die ebenso in Plastik eingeschweißt sind und die zur Krönung selbst auch noch Plastik enthalten.

Neues Sommermärchen: Deutschland ist Recycling-Weltmeister

Zum Glück gibt es ja zumindest in Deutschland den „Grünen Punkt“ und wir trennen alle fleißig Abfall. Wir sind praktisch die Recycling-Weltmeister…

Wir zahlen ja auch für dieses System, denn Verpackungen und der Grüne Punkt an sich, erhöhen die Kosten jedes einzelnen verpackten Produkts. Das macht zwar nur einige Cent aus, aber in der Summe werden ganz schnell Euro daraus.
Doch wir können uns das auch was kosten lassen. Schließlich sind wir Weltmeister im Recyceln, oder zumindest Europameister. Sind wir doch, oder?

Ja, und zwar gleich hinter Slowenien, Tschechien, Bulgarien, Litauen, der Slowakei und den Niederlanden. Slowenien hat einen Recyclinganteil von Plastik-Verpackungsabfall je Anwohner von 63 Prozent, in Deutschland sind es gerade mal 49 Prozent. (Quelle: Augsburger Allgemeine Zeitung)
Dafür sind wir in der Plastik-Verpackungsmüll-Produktion gleich hinter Irland, Luxemburg und Estland bereits auf dem vierten Platz. Nahe dran, Müll-Europameister zu werden…

Mikroplastik

Nicht nur die großen, sichtbaren Plastikteile sind das Problem. Diese werden bereits von filtrierenden Tieren gefressen, deren Mägen sich mit dem Unverdaulichen füllen, worauf sie verenden. Gestrandete Wale, Fische, aber auch Seevögel zeugen davon.
In der Natur zersetzen sich diese großen Pastikteile in immer kleinere Partikel. Und diese landen dann in vielen anderen Lebewesen, vergiften sie, machen sie krank.

Noch kleinere Partikel leiten wir völlig bewusst und unkontrolliert in die Umwelt. Sie stecken in sehr vielen Sorten Zahnpasta, in Hautpeelings, Sonnencremes, Salben, Shampoos, in Reinigungsmitteln für den Haushalt oder Wachspolituren fürs Auto. Und sie landen unrecycelt und praktisch ungefiltert in der Natur.

Selbst Kleidung ist nicht nur oft in Plastik verpackt. Nein, sie besteht auch zum großen Teil aus Kunststoffen. Aus Polyacryl, Polyester, Elasthan und weiteren Kunstfasern bestehen Pullover, T-Shirts, Hosen, Socken, Jacken und Heimtextilien. Auch Funktionswäsche, wie wasserabweisende Jacken oder Hosen, tragen Kunststoffe in sich, die beim Waschen schnell mal gelöst werden. Klitzekleine Fasern landen somit im Abwasser, in den Kläranlagen, die sie im Zweifel gar nicht herausfiltern können, und so gelangen sie über die Flüsse in die Umwelt, werden in die Meere gespült. Sie werden von Tieren aufgenommen und gelangen so auch an Land.

Und wenn die Kleidung einmal im Müll landet, was bei der billigen Massenware immer schneller der Fall ist, muss auch sie recycelt werden, oder eben verbrannt…

Mehr als nur das Meer

Das Problem von Plastikabfällen ist weit größer, als die Verschmutzung der Meere, auch wenn diese gewaltige und katastrophale Ausmaße annimmt. Man rechnet schließlich damit, dass im Jahr 2050 in den Weltmeeren mehr Plastikteile schwimmen werden, als Fische und andere Meeresbewohner!

Doch schon mit der Produktion von Kunststoffen fängt das Problem an. Verarbeiteter Rohstoff ist und bleibt das Rohöl. Schon bei dessen Förderung werden gewaltige Umweltschäden verursacht und Risiken erzeugt, wie leck geschlagene Pipelines, Tankerunglücke oder havarierte Ölbohrplattformen der Vergangenheit zeigen. Auch zerstören Ölförderstätten sehr oft unberührte Natur, denn Öl- und Gasvorkommen befinden sich unterhalb von Wäldern oder anderen Naturflächen.

Auch bei der Produktion von Kunststoffen fallen jede Menge giftige Stoffe und Abfälle an, die teilweise auch durch die Schornsteine in die Luft geblasen werden. Der Energieeinsatz, der für die Produktion nötig ist, sorgt zudem für vermehrte Treibhausgasemissionen.

Oftmals durchleben gerade Verpackungsmaterialien nur einen sehr kurzen „Lebenszyklus“.  Man packt den Keks ein, liefert ihn in den Supermarkt, der Kunde kauft ihn, packt den Keks aus und wirft das Verpackungsmaterial in den Müll. Nun wandert der Müll durch die Müllabfuhr in die entsprechende Verarbeitung, und wenn er in der korrekten Wertstoffsammlung gelandet ist, wird er sortiert und eventuell recycelt. All dies kostet ebenso jede Menge Energie und am Ende fallen weitere Treibhausgas-Emissionen an. Ist eine Trennung des Mülls nicht möglich, oder findet sie nicht statt, wird er schlicht verbrannt und die Umwelt wird mit einer weiteren Portion CO2 gesegnet.

Tickende Zeitbombe

Aber auch in unseren Körpern landet jede Menge „Abfall“ in Form von chemischen Verbindungen. Ob sich nun Bisphenol A aus den Getränkeflaschen und weiteren Verpackungen löst, oder ob es andere hormonell wirksame Substanzen sind, die den Weg in unseren Körper finden: Diese Dauerbelastung mit Chemie ist nicht gesund und macht definitiv krank!

Mikroplastik in der Zahncreme, in Hautpflegemitteln, im Trinkwasser, in Fisch, Fleisch oder anderen Lebensmitteln, landet letztlich in unseren Körpern. So richtig klar ist bis jetzt noch nicht, was diese Teilchen in uns bewirken. Man ist sich allerdings darüber einig, dass sie nicht gesund sein können. Und es gibt deutliche Hinweise, dass sie im Körpergewebe eingelagert werden, hier chronische Entzündungen verursachen, welche auch einen potentiellen Auslöser für Krebserkrankungen darstellen.
Speziell, da Erdöl keine gesundheitsfördernden Wirkungen entfaltet, sondern schlicht giftig ist!

Mein Fazit

Alles in allem relativiert sich mit diesem kleinen Blick auf die traurige Realität dann auch die Positivmeldung, dass die EU-Kommission nun ernst macht und Luftballon-Halter verbieten will, zusammen mit Wattestäbchen und Einweggeschirr. Sicher ist es der erste Schritt in die richtige Richtung.
Doch ist es zugleich eine Lachnummer unglaublichen Ausmaßes, angesichts der Problematik, in der wir uns befinden. Ja, es offenbart einen augenscheinlichen, kompletten Realitätsverlust. Oder Augenwischerei vor der Europawahl 2019?

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Zweites Leben für Getränkebecher: Schneckenschutz und Mini-Treibhaus…

Für alle, die nicht darauf warten wollen, dass die anderen die Welt retten, hier mal eine kleine Auflistung, was jeder tun kann gegen die Plastikflut:

  • Wenn vorhanden „Unverpackt-Läden“ nutzen, oder einfach beim Bauern um die Ecke das Obst und Gemüse kaufe
  •  Joghurt im Glas kaufen oder selbst herstellen. Das ist oft billiger, schmeckt auch sehr gut und ist oftmals sogar noch gesünder
  • Milch und Obstsäfte gibt’s in Glasflaschen, auf Tetra-Packs oder Plastikflaschen kann man verzichten
  • Kleidung aus Naturfasern, wie Baumwolle, Hanf oder anderen Stoffen, ist oft nicht nur länger haltbar und bequemer zu tragen. Sie enthält zudem keine Kunststofffasern, die am Ende im Abwasser landen würden.
  •  Zahncreme kann man selbst herstellen, man kann allerdings auch solche kaufen, die kein Mikroplastik enthält. Auch andere Pflege- und Reinigungsmittel mit Peeling oder Polier-Kristallen kann man vermeiden, und lieber umweltfreundliche Alternativen wählen.
  •  Zahnbürsten gibt es inzwischen sogar aus Holz und ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Sie putzen genauso gut, wenn man ein wenig länger bürstet, geben ein gutes Mundgefühl. Und am Ende kann man die Bürsten über den Kompost entsorgen. Besonders zu empfehlen: Die Zahnbürste, die „Bäume pflanzt“. Mehr unter Bamori.eu
  •  Verpackungsmaterialien kann man vermeiden, indem man Waren direkt beim Händler kauft oder auch im Internet auf Verkäufer setzt, die ihre Ware nicht mit Plastikmaterial verpacken.
  •  Nicht vermeidbare Plastikverpackungen kann man upcyceln und ihnen somit einen weiteren Sinn geben. Man kann sie auch wiederverwenden, beispielsweise Polsterumschläge für den Versand oder Plastik-Verpackungsmaterialien.
  •  Käse und Wurst an der Theke kann man sich auch in mitgebrachte Behälter packen lassen, anstatt die ladenüblichen Tütchen zu verwenden.
  •  Wasser und andere Getränke kann man in Glasflaschen erwerben, was oftmals auch viel besser schmeckt. Oder man trinkt das gute alles „Kranheimer“, wie man es hier in Rheinhessen nennt: Leitungswasser ist so sauber wie noch nie, vorausgesetzt die Leitungen im Haus sind frei von Giften. Das kann man mit einem einfachen Test sicherstellen, dadurch jede Menge Geld, Schlepperei, Transportwege und Abfall vermeiden.
  •  Süßigkeiten kann man auch selbst backen und somit auf Verpackungen von Keks & Co. verzichten. Brot kann man in der Papiertüte kaufen, oder auch selbst backen. Selbst Gummibärchen gibt’s in der Variante ohne „Tüte-in-der-Tüte“. Bonbons gibt’s in der Papp-Verpackung oder der Dose.
  •  Und, last but not least: Das Beste ist die Reduzierung des zügellosen Konsums. Er befeuert nicht nur die Plastik-Problematik, er ist auch verantwortlich für die Klima-Krise, für viele humanitäre Krisen auf der Welt, für Umweltzerstörung, Ausbeutung und Überschuldung, für Burnout und weitere psychische Probleme vieler Menschen. Daher: Einfach mal einen Gang zurückschalten und mit dem glücklich sein, was man bereits besitzt.
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