Die Wachteln sind los… :-)

Am 9. April waren siebzehn Tage vergangen. Tage, an denen ich jeweils dreimal diese bunt gesprenkelten Eier gedreht und die Luftfeuchtigkeit entsprechend hoch gehalten hatte. Darin hatte ich bald Routine, auch an das Summen des Ventilators dieses Brutapparats hatte ich mich gewöhnt. Er stand direkt neben meinem PC im Bücherregal und so konnte ich immer mal wieder einen Blick auf diese leblosen Eier werfen. Der siebzehnte Tag war angebrochen, und eigentlich hätten schon die ersten Küken am sechzehnten Tag schlüpfen können. Stattdessen kam ich an jenem Montag um 13 Uhr nach Hause und erwartete bereits, dass mich eine kleine Wachtel anblickte. Doch Fehlanzeige – die Eier hatten am gestrigen Tag ein wenig gewackelt, heute rührte sich jedoch gar nichts. Nicht mal an einem Ei erkannte ich den Versuch des Lebens, heraus zu kommen. War es ein Fehlschlag? Schon am achtzehnten Tag sollte es weitgehend vorbei sein und so war es langsam mal an der Zeit, dass die Kleinen sich trollten.

Ich ging in die Küche und aß etwas, ging wieder zurück, um an meinem PC etwas zu erledigen und…da war es! Das Wunder des Lebens hatte keine Zuschauer gewollt, sondern war einfach gekommen. Während sich der kleine Piepmatz am verklebten Flaum zupfte und ihn zu sortieren schien, erkannte ich im Hintergrund, dass sich ein weiterer mit dem Schnabel den Weg in die Welt bahnen würde. Etwa eine halbe Stunde dauerte es, bis der Kleine sich aus dem Ei schleppte. Dabei konnte man erkennen, welcher Kraftakt hinter dem Schlupf stand. Hier ein Video davon. Die „heiße Phase“ beginnt ab der zehnten Minute. Das arme kleine Wesen war völlig erschöpft, als es endlich die Schale verlassen hatte und torkelte durch die Gegend. Während sich Piepmatz Nummer eins bereits etwas stabilisiert hatte, hing der zweite ganz schön in den Seilen.


Nun galt es erst mal abwarten, bis der Flaum der beiden Kleinen getrocknet war. Genügend Wasser befand sich noch im Behälter inmitten des Brutautomaten, und das war existenziell wichtig für den Schlupf. Denn was das Leben im Ei während der gesamten Brut, aber vor allem auch innerhalb der letzten beiden Tage, brauchte, waren Wärme und eine relativ hohe Luftfeuchte.
Gerade als ich dann gegen Abend die Kleinen aus dem Brutautomat holen und sie unter die Wärmeplatte setzen wollte, schlüpfte ein drittes Küken und machte somit meine Pläne zunichte.
Am späten Abend schließlich war es aber soweit und ich konnte die ersten drei in den geräumigen ehemaligen Meerschweinchenkäfig setzen. Ich zeigte ihnen, wie schön warm es unter der Heizplatte war, gab ihnen auch schon ein Schälchen mit Futter und natürlich Wasser. Sie pickten bereits das mehlige Futter auf und gingen dann erst mal ins Warme.

Schnell brachte ich den Brutautomaten zurück, schloss ihn wieder an den Strom an und besprühte die Eier kräftig mit Wasser.
Am nächsten Tag kam ein Einzelkämpfer zur Welt und ich setzte ihn zu den anderen drei Küken im Meerschweinchenkäfig. Die konnten schon ganz gut gerade laufen, der Neugeborene torkelte durch die Gegend.

Ich hatte nun vier kleine Küken und die Zeit von achtzehn Tagen war eigentlich abgelaufen. Vier geschlüpfte Küken bei 12 Eiern – das war kein guter Schnitt. Und ich wollte noch nicht aufgeben, mich nicht auf die Vorgaben verlassen.
So sprühte ich wieder kräftig die Eier ein und nachmittags tat sich was. Einige von ihnen wackelten und bald schlüpften zwei. Nachdem auch ihr Flaum trocken war, setzte ich sie zu den anderen vier Küken und dachte: Gut, mit sechs Wachteln hatte ich gerechnet und könnte auch damit leben.

Video vom Mittagsschläfchen…

Doch da war noch was, es lag noch ein Schlupf in der Luft. Wieder sprühte ich die Eier kräftig ein. Das soll vor allem beim Schlupf auch den Kleinen helfen, die Eihaut zu durchbrechen. Die konnte ganz schön zäh sein, wie ich selbst feststellen durfte. Denn abends so gegen 21 Uhr entdeckte ich, dass ein Küken festzuhängen schien. Es bekam einfach nicht die Schale auf. Ich half ihm, indem ich die Kalkschale vorsichtig löste, die Eihaut schaffte es selbständig und purzelte völlig erschöpft nach einstündigem Kampf aus dem Ei. Jetzt sollte es erst mal über Nacht trocknen und morgen würde ich es zu seinen Artgenossen in der Meerschweinchenbehausung bringen. Doch was war das? Da bewegte sich doch noch was! Ja, ganz zaghaft versuchte da ein Küken sich die Freiheit zu erpicken. Doch es kam nicht raus, die Haut schien wie Gummi zu sein und ich spürte, dass es das nicht alleine schaffen würde. So gegen 22 Uhr entschied ich mich, ihm zu helfen. Nicht nur die Eihaut war das Problem, auch der zuvor geschlüpfte Frechdachs. Denn der machte sich einen Spaß daraus, immer an die Stelle zu laufen, an der ich vorsichtig den Deckel des Brutautomaten öffnete, um dem Kleinen beim Schlupf zu helfen. So musste ich zusätzlich darauf achten, dass der torkelnde Kleine nicht noch aus „dem Nest“ fiel oder ich ihn gar mit dem Deckel verletzte. Gestresst und schwitzend schafften das feststeckende Küken und ich irgendwie diese klebrige, gummiartige Eihaut zu entfernen. Das Küken, das schließlich zum Vorschein kam, war dünn und hatte einen sehr langen Hals, war erschöpft und schlief erst mal. Aber es lebte. Nun hoffte ich, dass es diese schwere Geburt auch überleben würde.

Wachtelküken - eine schwere Geburt...
Wachtelküken – eine schwere Geburt…

Ich war auch fix und fertig nach der ganzen Prozedur und bat meinen Arbeitgeber am nächsten Morgen kurzfristig um einen Tag Urlaub, da ich entdeckt hatte, dass weiter zwei Eier wackelten. Mein Chef genehmigte den Urlaub, war amüsiert und sagte, dafür gäbe es aber keinen Sonderurlaub… 🙂

Schließlich kamen an diesem Mittwoch weitere zwei Küken zur Welt, und so saßen nun zehn Piepmatze im Meerschweinchenkäfig, fraßen richtig viel. Und sie bestätigten die allgemeine These, dass was oben rein kam auch wieder hinten raus musste… In Hülle und Fülle.

Video, so jung und so neugierig…

Die Kleinen entwickelten sich verblüffend und huschten flink durch den Käfig, flatterten mit den noch federlosen Flügeln. Alles schien gut, bis zum Freitag dem 13. Der war in diesem Fall tatsächlich ein Unglückstag. Am Morgen lag ein Küken auf dem Rücken in der Futterschale und strampelte mit den Beinen. Es konnte offenbar nicht mehr aufstehen und auch das Umsetzen unter die Wärmeplatte nutzte nichts, es war zu dieser Zeit offenbar schon halb tot. Um kurz nach sieben Uhr starb es dann und hinterließ ein trauriges und mulmiges Gefühl. Hatte ich etwas falsch gemacht? Ich ging alles durch und konnte keinen Fehler erkennen. Es schien das Küken gewesen zu sein, dem ich aus der Eihaut geholfen hatte. War es vielleicht einfach zu schwach oder krank gewesen und hatte es deshalb nicht überlebt? Einige dickere Getreidekörnchen im Futter ließen in mir auch die Befürchtung aufkommen, es könnte an einem solchen Teil erstickt sein. Obwohl das Futter wirklich Premiumqualität hatte, Rosmarin und Blaumohn für den Darm und das Hungergefühl enthielt, und auch weitgehend gemahlen war, fanden sich in ihm einige dickere Körner. Ich war mir nicht sicher, wollte nicht noch weitere Küken verlieren und mahle seitdem das Futter regelmäßig in der Küchenmaschine zu einer mehligen Konsistenz. Wobei ich seit einigen Tagen das Futter nicht mehr ganz so extrem zerkleinere, da ich denke, dass auch gröbere Bestandteile wichtig für die Verdauung sein könnten. Und die Kleinen scheinen damit sehr gut klar zu kommen. Das heißt, so klein sind sie nun wirklich nicht mehr. Nach nun zwölf Tagen erscheinen sie mir praktisch doppelt so groß und ich kann gar nicht mehr glauben, dass diese Tiere vor noch nicht langer Zeit aus diesen kleinen Eiern gekrochen kamen…
Erste Ansätze der Federn sind schon seit dem zehnten Tag zu erkennen und manche von den jungen Wilden springen und toben durch die Gegend, flattern mit den Flügeln, heben dabei sogar schon ein kleines Stück ab.

Video vom Wachtelsprung

Video der ersten Flugversuche

Ihr Gezwitscher ist herrlich melodisch und erinnert an das Zirpen von Grillen und Zikaden im Hochsommer. Und einige von ihnen sind sehr verschmust, lassen sich streicheln und genießen es sichtlich.

Video, Streicheleinheiten

Frühestens nach zwei Wochen kann ich die Papiertücher im Käfig durch Substrat ersetzen. Das muss jedoch absolut staubfrei sein, da es ansonsten die Lungen der Wachteln schädigen könnte. Daher habe ich mir auch ein spezielles Streu aus Holzfasern besorgt.
Nach drei Wochen brauchen die Kleinen keine Wärmeplatte mehr, wobei man sie langsam davon abgewöhnen sollte. Sie sitzen schon jetzt nur noch selten unter dieser Wärmeplatte und ich denke, das dürfte kein Problem sein.
Obwohl die Kleinen schon jetzt teils wie wild auf dem Boden herum flattern, als wollten sie ein Sandbad nehmen, darf ich erst ab der vierten Woche Vogelsand in den Stall stellen.

Video vom Sandbad ohne Sand… 🙂

Ab der fünften Woche kann man immer gröberes Futter beimischen, also vom Kükenfutter zum Legemehl wechseln, sodass die Umstellung in der sechsten Woche komplett ist.

So groß sind die Kleinen nach zehn Tagen
So groß sind die Kleinen nach zehn Tagen

Theoretisch könnte ich jetzt die Kleinen schon in die Freilandvoliere setzen, denn warm genug ist es mit momentan 29°C allemal. Doch die Nächte sind eben noch nicht warm genug, auch die Eisheiligen könnten noch mal Kälte bringen. Von daher werden sie wohl oder übel noch eine Zeit lang im Käfig sitzen müssen. Das gibt mir Zeit, die letzten Arbeiten an der Voliere vorzunehmen. Rasen und Margeriten habe ich eingesät, Gras gepflanzt und werde nun noch einige Unterschlupfmöglichkeiten wie Tontöpfe und Holzkästen hinein stellen. Einen für sechs Wachteln geplanten Stall habe ich auch bereits gebaut und muss sehen, ob in ihm am Ende alle genug Platz finden werden. Ansonsten ist ein Anbau fällig…

Ich werde weiter über die Flattermänner und -frauen berichten, auch darüber, wie viele Damen und Herren es geworden sind. Das erkennt man nämlich erst nach einigen Monaten am Brustgefieder. Die Damen sind gesprenkelt, die Herren eher nicht. Und ich hoffe, dass es deutlich mehr Hennen als Hähne gibt, und somit keine Konfliktpunkte in der neunköpfigen Bande. Einen Hahn glaube ich aber jetzt schon entdeckt zu haben. Es ist der Frechdachs der Bande, der sich weder streicheln lässt, noch sich vom Futter verdrängen. Er ist der Kleinste von allen, ist der Vorletztgeborene. Und er hat so einen Charakter, den man einem Hahn zuschreiben würde. Daher könnte ich wetten, dass es einer wird. Seit gestern beginnt er auch damit, resolut aufzutreten. Kommt man ihm mit der Hand zu nahe, pickt er auch mal zu…

Gemeinsames Festmahl - nur die neunte Wachtel pickt woanders

Als Fazit kann ich heute schon eines festhalten: Es ist ein wahres Wunder, das sich vor wenigen Tagen vor meinen Augen abgespielt hat. Mancher mag es als belanglos abtun oder als gewöhnlich. Doch das ist es wahrlich nicht!
Jedes Jahr findet dieses kleine Wunder milliardenfach in herzlosen Fabriken statt, Leben beginnt, und endet bald wieder. – Manches Küken wird direkt vergast oder lebendig geschreddert. Anderen wird das „Glück“ zuteil in dunklen und artwidrigen Behausungen binnen 42 Tagen so fett gemästet zu werden, dass sie mit 2,5 kg  sechzigmal schwerer sind als zur Geburt, und sie auf 40 Zentimeter Größe angewachsen sind. Alles muss möglichst schnell ablaufen, ein Leben im Zeitraffer, um dann zum Schlachthof transportiert zu werden, wo man diese fühlenden Wesen kopfunter an Förderbänder hängt und ihnen maschinell im Sekundentakt die Köpfe abgetrennt werden. Wer sich das bewusst macht, während sich so ein kleines Geschöpf mühsam vor seinen Augen den Weg ins Leben kämpft, dem wird es flau im Magen. Und er fragt sich, wie es soweit kommen konnte, und was unsere Herzen zu Stein werden ließ…

Übrigens werden die Wachteln bei mir nie geschlachtet, sondern ich nutze nur die Eier. Sie dürfen auch mal selbst brüten.

 

 

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