Taubenschwänzchen

Das geht uns nichts an!

Die Aussage ist schon verblüffend: Im Grunde gehe es die Bevölkerung nichts an, welche Mengen an Herbiziden, Fungiziden oder Insektiziden die Landwirte, Obstbauern oder Winzer ausbringen. – So äußerte sich laut SWR aktuell ausgerechnet ein Minister aus Baden-Württemberg, in dessen Ressort der Verbraucherschutz fällt! Der NABU hatte zuvor kritisiert, dass alleine dort im Jahr momentan 2.300 Tonnen Pestizide, Fungizide und Herbizide auf den Feldern landen. Doch Minister Peter Hauk (CDU) relativiert: Es sei wichtig zu wissen, wieviel davon im Boden, im Trinkwasser und auf den Nahrungsmitteln landet. Und einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Pestiziden und dem um sich greifenden Insektensterben bezweifelt er. – Ganz klar: Wie kann man auch eine derart verwegene These aufstellen, dass der Tod von Insekten durch den Einsatz von Insektenvernichtungsmittel zustande kommt…?

Diese „forsche Mutmaßung“ ist natürlich allen ein Dorn im Auge, die mit den Pestiziden Geld verdienen. Und auch den Bauern, die aufgrund des Kostendrucks oft gar nicht mehr in der Lage sind, Schädlinge schonend zu entfernen oder entsprechend nachhaltig ihre Produkte anzubauen. Sie müssen knallhart kalkulieren, um die Nachfrage des Handels und somit der Verbraucher nach billigen Produkten erfüllen zu können. Entweder das, oder sie versuchen den Weg zum Bio-Bauern, auf dem ihnen oftmals bürokratische und finanzielle Steine in den Weg gelegt werden, deren Überwindung sich viele gar nicht leisten können.

Nicht nur Fliegen fliegen – Herr Minister!

Herr Hauk argumentiert außerdem, dass auch im Umfeld von Biobetrieben die Insektenbestände rückläufig seien. Somit könne man keinen Zusammenhang zwischen dem Insektensterben und Pestiziden herstellen. Die Volksweisheit, dass viele Insekten fliegen können und sich eben nicht standorttreu direkt auf dem Biohof einquartieren, scheint an ihm vorüber gegangen zu sein. Nicht nur das „Taubenschwänzchen“ auf dem Beitragsbild kann fliegen, auch die Biene…

Fliegende Biene vor Malvenblüte

Auch lassen sich Agrar-Gifte wie Neonicotinoide oder Glyphosat nicht ausschließlich auf den Feldern der konventionellen Bauern halten: Wind, Wasser, Vögel, Nager, Insekten, Pollen,… – All dies können Transporteure sein und die Gifte in kleinen und größeren Konzentrationen in alle Himmelsrichtungen verteilen. Ein konventioneller Acker ist ja kein geschlossenes System. Offenbar scheint auch diese Tatsache jenem Landwirtschaftsminister noch nicht bekannt zu sein oder er versteht es, sie gekonnt zu ignorieren.

Nicht grenzwertig?

Zum Glück wird zumindest kontrolliert, wie viel Gift im Boden und im Trinkwasser zu finden ist. – So der Herr Minister. Was er unerwähnt lässt: Den Boden kontrolliert man nur stichprobenartig, das Trinkwasser unterliegt strengeren Richtlinien. Das Grund- und Oberflächenwasser jedoch kontrolliert man nur sehr selten. Und wenn die Konzentration der Gifte allgemein steigt, wird „konsequent“ gehandelt: Dann erhöht man teils einfach die Grenzwerte und es besteht offiziell keine Gefahr mehr.

Die Luft wird übrigens gar nicht auf Gifte kontrolliert, oder zumindest erfährt man darüber nichts. Auch nicht über eine flächendeckende Kontrolle umherfliegender Pollen oder Feinstäube, die vielleicht in den Nasen und Lungen mancher Allergiker im Naturzustand und ohne Giftbelastung gar keine Probleme verursacht hätten.

Aber wenigstens die Nahrungsmittel werden ja zuverlässig auf Rückstände kontrolliert, oder? Teilweise schon, und es ist immer die Frage, wie hoch die Grenzwerte angesetzt wurden, und wer sie festgesetzt hat… Es gibt Gifte, bei denen eine gesundheitsschädliche Wirkung nicht von der Dosis abhängig ist, sondern bereits in kleinsten Mengen eintreten kann. Zugleich ist es auch der Chemikalien-Cocktail, dem wir tagtäglich ausgesetzt sind. Eine Mischung verschiedener Gifte in geringen Mengen kann am Ende Wechselwirkungen verursachen, die äußerst gesundheitsschädlich sind. Und was ist mit denen? – Keine Ahnung, denn sie wurden bis heute nicht hinreichend erforscht. Und warum das nicht? Geht das die Bevölkerung etwa auch nichts an?
Sicher wären solche Forschungen ebenso all jenen ein Dorn im Auge, die durch die Pestizide Milliarden verdienen.

Willkommen im Labor

Und so landen auch weiterhin deutschlandweit jährlich bis zu 40.000 Tonnen in der Umwelt, wobei es sich um 1453 verschiedene Wirkstoffe handelt (Quelle NABU) 40.000 Tonnen, das sind übrigens vierzig Millionen Kilogramm.
Es wird auch in Zukunft Getreide kurz vor der Ernte mit Glyphosat „totgespritzt“, wodurch das Gift direkt im Mehl landet. Auch Unkräuter werden zwischen Kulturpflanzen mit dem laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) „wahrscheinlich krebserregenden“ Gift abgetötet. Auf Obst und Gemüse landen Neonicotinoide, die man selbst in den USA bereits vom Markt genommen hat, aufgrund ihrer Bienengefährlichkeit. Und auch Herbizide landen im Freiland-Labor, dessen Langzeit-Versuchstiere am Ende wir alle sind.

Und nun noch die entscheidende Frage:

Wie viel Prozent Verbraucherschutz steckt eigentlich im Amt des Verbraucherschutzministers, und wieviel Prozent Lobbyismus? Ist der Verbraucherschutz überhaupt in einem zweistelligen Bereich vertreten?
Na also wirklich, jetzt schlägts aber dreizehn! Was für eine dreiste Frage! Also das geht ja den Bürger nun mal überhaupt nichts an!

Ein kleiner Nachtrag zur Vollständigkeit: Herr Hauk hat sich zwischenzeitlich korrigiert. Er habe zu emotional reagiert, so berichtet der SWR. Und er sehe die Landwirte verunglimpft und an den Pranger gestellt, durch die Aussagen des NABU, dass in Baden-Württemberg verhältnismäßig viele Pestizide eingesetzt würden.
Doch ist das Argument eine Entschuldigung für seine Aussage?
Nein, ich denke nicht. Es zeigt aus meiner Sicht vielmehr, wie versucht wird, den Einblick in ein ohnehin intransparentes System mit allen Mitteln zu verhindern. Und dies lässt nichts gutes erahnen!

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3 Gedanken zu “Das geht uns nichts an!

  1. Es sind immer wieder dieselben Ausflüchte, allen voran von den sogenannten Volksvertretern der etablierten Parteien. Man kann diese Ignoranz und „Schönrederei“ der vorwiegend lobbynahen Parteien kaum noch ertragen. Umso wichtiger finde ich es, dass dies Kritik und Aufklärung der Öffentlichkeit weiter betrieben wird um den Druck auf die gewählten Herrschaften weiter zu erhöhen. Danke für Deinen Beitrag! Auf meinem Blog habe ich heute aktuell auf eine kostenlose Mitmachaktion des Umweltinstitut München hingewiesen. Vielleicht ist das ja auch was für Dich? LG

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    • Ja, ich kann es auch kaum noch ertragen, wie sich viele unserer „Volksvertreter“ für wirtschaftsnahe Lobbygruppen stark machen und wenn sie dann Kritik ernten, verbal schnell wieder zurück rudern aber trotzdem weiterhin zugunsten dieser Gruppen handeln. Unsere neue Bundes-Landwirtschaftsministerin hat ja wohl gestern im Bundestag davon gesprochen, bienengefährliche Agrar-Gifte verbieten und Pestizide allgemein reduzieren zu wollen. Und sie sagte wohl auch, dass die Landwirtschaft mit der Natur im Einklang handeln müsse. Also wenn ich mir im Gegenzug die Position der rheinland-pfälzischen CDU-Landtagsfraktion anschaue, der Frau Klöckner ja angehört hat, gab es wohl auf der Fahrt in den Bundestag einen drastischen Sinneswandel. Denn die CDU war und ist hier kein Gegner der Pestizide, sondern ignoriert das Bienensterben, hat sogar schon teils abgestritten, dass es überhaupt mit Pestiziden in Verbindung gebracht werden kann. Von daher: Mal abwarten, wie die neue Ministerin handelt – auf ein Wort kann man sich ja leider bei unseren Volksvertretern immer seltener verlassen. Sehr schade… Oh ja, ich schau gleich mal auf Deinem Blog vorbei. Ich bin Mitglied beim Umweltinstitut München und unterstütze die immer sehr gerne. LG und ein schönes Wochenende 🙂

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