Was wäre wenn…?

Am letzten Donnerstag hatte ich eine verblüffende Begegnung. Als ich auf der Fahrt nach Hause durch den Mainzer Stadtteil Laubenheim fuhr und kurz am Straßenrand anhalten musste, da ich etwas im Handschuhfach suchte, traute ich meinen Augen nicht. Auf dem Gehweg trottete doch tatsächlich ein Esel an meinem Auto vorbei, links von ihm lief eine Frau mit dunklen langen Haaren und einem weiten Mantel. Hinter ihr folgte ein Mann mit Bart, Hut und ebenso urtümlich anmutender Kleidung. Josef und Maria in der Neuzeit? – Für einen Moment schien mir diese weltbekannte Geschichte ganz nah zu sein.
Leider konnte ich nicht aussteigen und fragen, welches Ziel die beiden hatten, ob sie nach einer Krippe suchten oder nach Bethlehem… Doch inspirierte mich dieses Erlebnis dazu, mir eine entscheidende Frage zu stellen, die mir schon seit geraumer Zeit durch den Kopf spukte: Was wäre wenn…?

Es begab sich zu einer Zeit, als ein heller Stern am Himmel stand. So hell, dass man ihn kaum übersehen konnte.
Drei Weise aus dem Morgenland brachen auf, um diesem Wink des Himmels zu folgen. Denn dort, wo der Stern strahlte, würde ein neuer König geboren. Einer, der Freiheit und Frieden über die Welt bringen und mit Gottes Hilfe in eine bessere Zukunft führen würde.
So führte sie ihre Reise auch zum Statthalter Syriens, den sie fragten, wo denn der neue König zu finden sei. Der war erbost, denn er wusste nichts von diesem Heilsbringer, den sogar der Himmel ankündigte. Und er bat diese drei Weisen darum, weiter zu ziehen, den Heilsbringer ausfindig zu machen und ihn darüber zu unterrichten, wenn sie ihn gefunden hatten.
Als sie die Stadt wieder verlassen hatten, ließ er nach seinen Generälen rufen. Und er gebot ihnen, diesen angeblichen König zu finden und ihn zu töten. Denn dieser neue von Gott berufene Herrscher würde seine Macht in Frage stellen, würde ihn vom Thron vertreiben.
„Aber wie sollen wir denn diesen einen neuen König unter den vielen Millionen erkennen?“
„Folgt dem Stern und tötet zur Sicherheit alle Erstgeborenen und alle, die sich euch in den Weg stellen.“
Die Generäle und ihre Soldaten schwärmten aus, machten Stadt um Stadt nieder.

Jene Nachricht machte ihre Runde und viele flohen aus Angst. Auch Josef und Maria hatte man gewarnt, ein Engel hatte sie dazu aufgerufen, sich und ihr ungeborenes Kind in Sicherheit zu bringen. Jenen Sohn, welcher der neue König werden sollte. – König des Friedens und der Freiheit.
So durchwanderten sie ihre Heimat, reihten sich in jene Menschenmengen ein, die sich in Sicherheit bringen wollten. Immer näher kamen die Soldaten, immer lauter wurden die Kampfgeräusche und immer panischer wurden die Menschen um sie herum.
Am Meer schließlich angekommen setzten bei Maria die Wehen ein. Und da alle anderen Herbergen belegt waren, und ihre Flucht die einzige Möglichkeit schien, brachte sie ihren Sohn auf einem dieser unbarmherzigen Schiffe zur Welt. Ein Schiff, das ihnen einen Weg in den Garten Eden versprach.
Auf ihm saßen auch die drei Weisen aus dem Morgenland und priesen diesen neuen König, feierten ihn euphorisch. Myrrhe, Gold und Weihrauch hätten sie ihm gerne dargeboten, doch hatten sie für diese Überfahrt alles hergeben müssen, was sie bei sich trugen. Stattdessen schenkte einer der drei dem Jungen etwas Wasser, der andere verschaffte ihm ein wenig mehr Platz in dieser riesigen menschlichen Traube rundherum.
Das Schiff trieb führerlos und Josef wünschte sich so sehr Moses herbei, der das Wasser teilen und ihnen zur sicheren Überquerung verhelfen konnte. Stattdessen zog ein Sturm auf, er ließ das völlig überfüllte Boot kentern, alle versanken in den Fluten.

Der neue König, den sie Freiheit getauft hatten, lag tot an einem der weiten Urlaubsstrände des gelobten Landes. Und der Stern am Himmel verblasste, verschwand hinter dunklen Wolken.

Während wir heute die Geburt von Jesus Christus feiern, dem Befreier, Erlöser und Flüchtling, sterben noch immer Frauen, Männer und Kinder in den Fluten des Mittelmeers. Es sterben und leiden weiterhin Menschen im Umkreis des Heiligen Landes. Und dies auch, da immer mehr Mauern bauen, anstatt Brücken zu errichten. Daher meine Frage: Was wäre, wenn damals keiner Josef und Maria nach Ägypten hätte einreisen lassen? Sie wären Herodes zum Opfer gefallen, die christliche Religion nie entstanden und wir würden heute nicht das Fest der Liebe feiern können.
Dieses Fest der Liebe, verpackt in blinkende Lichterketten, bunte Weihnachtsbäume, Geschenke und dicke Mauern…

Ich wünsche uns allen ein frohes und friedliches Weihnachtsfest!

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2 Gedanken zu “Was wäre wenn…?

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