Friede, Freude, Honigkuchen – zweiter Teil

Nach meinem Brief zum Bienensterben, und der mir nicht ausreichenden Antwort des zuständigen rheinland-pfälzischen Ministeriums, hatte ich es mir ja nicht nehmen lassen, erneut anzufragen. Immerhin erhielt ich eine Rückmeldung, die ein Stück weit Entwarnung zu geben schien. Neonicotinoide seien aufgrund eines Moratoriums in Deutschland seit Jahren ohnehin zum Großteil gar nicht in der Anwendung. Da die Winterverluste der Bienen nun trotz Moratorium ähnlich hoch seien, könnte das Insektengift einfach nich damit zusammenhängen. Klingt auf den ersten Blick logisch – ist es aber nicht…

Daher mein neuer Brief ans Ministerium… 🙂

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihre Nachricht und die ausführliche Antwort auf meine Anfrage.
Ich möchte noch auf zwei Punkte konkret eingehen.

1. Neonicotinoide
Sie führen hier richtigerweise das Zulassungsmoratorium der EU an, das seit 2013 herrscht, für zunächst zwei Jahre festgelegt, und aufgrund weiterer Unsicherheiten verlängert wurde.
Jedoch kann ich Ihrer Argumentation nicht zustimmen, dass „die meisten Anwendungen von Neonicotinoiden“ nicht erlaubt sind.
Nach meinen Recherchen besteht die in Deutschland zugelassene Gruppe der „Neonicotinoide“ aus 48 verschiedenen Wirkstoffen. Nachfolgend ein Auszug aus Wikipedia:
In Deutschland sind mit Stand Juli 2015 fünf PSM mit Imidacloprid, vier PSM mit Thiamethoxam, fünf PSM mit Clothianidin, zwölf PSM mit Acetamiprid und 22 PSM mit Thiacloprid zugelassen. Zugelassen sind unter anderem Anwendungen bei Tabak, Weinrebe, Hopfen, zahlreichen Obst- und Gemüsesorten, Zierpflanzen und -gehölzen, Zucker- und Futterrübe, Kartoffel, Getreide, Raps und Senf.[37] Seit dem 21. Juli 2015 ist die Einfuhr, das Inverkehrbringen und die Aussaat von mit Clothianidin, Imidacloprid oder Thiamethoxam behandeltem Saatgut für Wintergetreide verboten (dessen Beizung war in Deutschland bereits vorher nicht zugelassen)
(Quelle Pflanzenschutz-Saatgutanwendungsverordnung – PflSchSaatgAnwendV)

Vom Moratorium sind allerdings nur folgende drei Wirkstoffe betroffen: Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam
Die restlichen dürfen weiterhin angewendet werden.
Speziell das Insektizid Sulfoxaflor, das in den USA aufgrund seiner Bienengefährlichkeit verboten wurde, ist in der EU weiterhin zugelassen.

Obwohl die Bienengefährlichkeit der Neonicotinoide nachgeweisen ist, wurde die Zulassung von Sulfoxaflor für weitere 10 Jahre verlängert. (s. GEO-Magazin)

Neonicotinoide haben zudem teils eine sehr lange Halbwertzeit, weshalb fraglich ist, ob selbst die vom Moratorium betroffenen Toxine aus der Umwelt verschwunden sind und somit keine Auswirkungen mehr auf die Wintersterblichkeit bzw. allgemeine Gesundheit der Bienen (und anderer Insekten!) haben können.

Laut einer 2013 erschienenen Übersichtsarbeit betragen die meist in Laborstudien ermittelten Halbwertszeiten (in Tagen) 28–1250 für Imidaclopdrid, 7–353 für Thiamethoxam, 148–6931 für Clothianidin, 3–74 für Thiacloprid, und 31–450 für Acetamiprid. Inwieweit wiederholte Anwendungen zur Anreicherung der Wirkstoffe in Böden führen, ist für die meisten Neonicotinoide nur unzureichend untersucht. Studien zu Imidacloprid brachten deutliche Hinweise auf eine Anreicherung und dauerhafte Präsenz im Boden.[1]
(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Neonicotinoide#cite_note-Goulson-1 )

Speziell das nun vorläufig verbotene Imidacloprid steht also im Verdacht, dauerhaft im Boden präsent zu sein. Dies würde wiederum die Frage aufwerfen, inwieweit es dann auch über die Wurzeln in Kultur- und Wildpflanzen aufgenommen werden, und sich somit über die Blüten und die Früchte verteilen kann. Hierüber existieren laut meinen Recherchen keine hinreichenden Untersuchungen, weshalb es umso dringlicher wäre, diesen „Freilandversuch“ unverzüglich zu beenden und Neonicotinoide zu verbieten.

Wie auch immer kann angesichts dieser Tatsachen das Moratorium aus meiner Sicht überhaupt nicht als Argument genutzt werden, um einen Zusammenhang zwischen den Winterverlusten und den Neonicotinoiden auszuschließen. Auch die Neonicotinoide grundsätzlich als Ursache für ein vermehrtes Bienensterben in Winter auszuschließen und vorrangig die Varroa-Milbe als ursächlich auszumachen, erscheint offenbar nicht nur mir zu kurz gegriffen.

Vielmehr ist es so, dass unterschiedlichste Studien genau einen Zusammenhang zwischen der Überwinterungsfähigkeit und den Insektengiften herstellen, darunter auch eine Untersuchung des britischen „Natural Environment Research Council“.

Ein interessanter Artikel hierzu ist auf der Website des Magazins Nano zu finden.


2.
Trachtflächen
Zunächst vielen Dank für die Mitteilung des interessanten Links zum „Trachtnet“.
Sie führen zu Recht an, dass die Honigbiene blütenstet ist. Das heißt, sie fliegt gezielt Blühpflanzen an, die den höchsten Ertrag liefern und nutzt sie so lange, wie sie Nektar liefern. Aus dem Programm „Trachtnet“ lässt sich zudem ableiten, dass kein großflächiger Mangel an Trachtpflanzen herrsche.

Doch wie Sie selbst schreiben, sei natürlich zu berücksichtigen, dass Imker gezielt ihre Bienenvölker dort aufstellen, wo sie mit guten Erträgen rechnen.
Das heißt, die Imker stellen die Völker auch entsprechend um, innerhalb des Jahresverlaufs. Sie richten sie gezielt auf die Kulturpflanzen aus.
Wildbienen- und andere Insektenpopulationen können jedoch nicht zwangsläuft von einem Obstbaumfeld zum Rapsfeld wandern, da beide Felder vielleicht viele Kilometer auseinander liegen. Sie müssen sich auf Rand- und Blühstreifen, auf Hecken und Sträucher verlassen können. Auch ein Hobbyimker wird seine zwei Völker vielleicht nicht quer durch die Lande transportieren, da es weder wirtschaftlich noch ökologisch zu rechtfertigen wäre.

Wenn ich mich beispielsweise hier in Bodenheim umschaue, sehe ich weite Flächen Weinberge, die nur relativ wenig Blüh- und Randsteifen bieten. An einigen Gräben wachsen Hecken, doch sie fallen auch immer öfter der Säge zum Opfer. Richtige Blühstreifen sieht man hier daher nur wenige. Ich war in diesem Jahr eine Zeit lang innerhalb von Rheinhessen unterwegs und oft bot sich mir ein ähnliches Bild: Monokulturen ohne Blüten

Genau das muss sich ändern, denn das Bienensterben geht mit dem Insektensterben einher. Das Insektensterben wiederum mit dem Vogelsterben. Und von beiden Tiergruppen sind funktionierende Ökosysteme abhängig.
Die Ökologie steht auch mit der Ökonomie in engem Zusammenhang. Für einen Landwirt wird es sich beispielsweise nicht mehr lohnen, Äpfel mit Hand und Pinsel zu befruchten, wenn die Insekten erst mal soweit zurückgegangen sind, dass seine Bäume keine Erträge mehr bringen. Dabei ist dieses Szenario nicht unwahrscheinlich, denn in China geschieht genau dieses bereits seit Jahren und die Blüten werden manuell von Menschen befruchtet.

Ich bitte daher die Landesregierung und Ihr Ministerium nochmals dringend darum, den Schutz der Bienen und anderer Insekten deutlich zu intensivieren. Es darf keine Rückschritte geben und auch kein „Weiter so“. Nach meiner Meinung können wir uns diesen Luxus einfach nicht mehr leisten und es würde uns deutlich teurer zu stehen kommen, wenn wir eines Tages keine bestäubenden Insekten mehr hätten.

Mit freundlichen Grüßen

 

 

Kopie an: Frau Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Staatskanzlei Rheinland-Pfalz
Postfach 3880
55028 Mainz

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