Böser Wolf!

Das Märchen vom Rotkäppchen und seiner Großmutter dürften die Meisten von uns kennen. Dabei spielt der Wolf eine tragende Rolle, frisst Oma und Enkelin. Dann kommt der Jäger, schneidet dem Wolf den Bauch auf und befreit die Gefressenen. Sie stecken dem schlafenden Wolf nun Steine in den Bauch, nähen ihn zu, und als er erwacht, stürzt er sich zu Tode. In Baden-Württemberg waren nun auch Wölfe unterwegs, rissen ein paar Schafe. Und schon geht dort – wie zuvor in Ostdeutschland – die Diskussion über die Tötung der Wölfe los. Die Mär vom bösen Wolf geistert durch die Medien, und verschweigt, dass der Wolf auch die Wildschweinplage in Schach halten und somit als Raubtier seine natürliche, regulierende Funktion einnehmen könnte. Stattdessen macht man Stimmung gegen den „bösen Wolf“, suggeriert dass für den Wolf kein Platz in den Wäldern sei. Man verkennt dabei das wahre Problem: Nicht die Natur dringt in unsere Städte ein, sondern unsere Siedlungen zerschneiden immer mehr Natur und somit die Heimat ihrer natürlichen Bewohner!

Es war einmal eine kleine grüne Insel zwischen den rheinhessischen Orten Bodenheim und Nackenheim. Sie wurde praktisch über Nacht entfernt, stattdessen entsteht hier eine gemeinsame Feuerwache der beiden Gemeinden.
Nun ist die Zusammenlegung der Wehren eine gute Idee, auch eine gemeinsame Feuerwache. Doch warum wird sie ausgerechnet auf diesem Kleinod gebaut, in dem zuvor Vögel, Insekten, Säuger und andere Wesen lebten? Es hätte sicherlich Möglichkeiten im nahen Gewerbegebiet oder andere Alternativen gegeben. Doch man entschied sich genau für diesen Standort. Wahrscheinlich war er preislich der günstigste, denn Naturflächen sind nicht viel wert. – Finanziell wie ideell. Etwas mehr als 9.000 Euro und ein paar Tage Arbeit benötigte es, um Sträucher, Hecken, Unterschlupfe, Nektarquellen, Futter-, Schlaf- und Brutplätze mit einem Mal zu zerstören. Eine kleine Oase inmitten von monokulturellen Weinberg-Wüsten und immer weiter wachsenden Wohn- und Gewerbegebieten ist dahin.

Der Lebensraum ist tot!

Gibt es so genannte „Ersatzpflanzungen“, könnte man nun fragen. Mag sein. Doch man könnte sich auch fragen, ob es denn überhaupt möglich ist, ein solches Kleinod zu ersetzen. Zeitnah jedenfalls nicht, und die Tiere können schließlich nicht mal schnell ins Hotel mit Vollverpflegung ziehen, und so lange zu warten, bis die Ersatzfläche genauso groß und ertragreich ist, wie ihre ursprüngliche Insel.

Wir schauen immer so schön in den tropischen Regenwald und empören uns über das Fällen von Bäumen dort. Wir schütteln über Trump den Kopf, der Schutzgebiete aufheben, sie Gas- und Erdölindustrie zur Verfügung stellen möchte. Wir verurteilen die polnische Regierung, die ein Waldgebiet mit uralten Bäumen, das fast den Zustand eines Urwaldes hat, zur Abholzung freigibt und somit gegen EU-Richtlinien verstößt. Oder wir schauen nach Island, wo etliche Staudammprojekte in Planung sind, mit denen man empfindliche und riesige Naturjuwelen zerstören würde.
Von einem isländischen Staudammprojekt handelt übrigens auch mein neuer Krimi und hat, neben Spannung und Humor, einige Hintergrundinformationen zu bieten…

Unser aller Erbe

 

Cover
Folgen Sie mir in die mörderische Einsamkeit Islands

 

Über solche Kahlschläge auf der Welt, diskutieren wir. Und dann schauen wir weg, wenn vor unserer Haustür immer mehr Grün weicht. Wir beschweren uns über den massiven Rückgang von Singvogel- und Insektenbeständen, und lassen es gleichzeitig zu, dass Naturflächen stets die günstigsten sind, wenn es darum geht, sie zu bebauen!

Die offiziellen Begründungen sind oftmals hanebüchen und münden meist in die Aussage, dass man ja Ersatzpflanzungen vorgenommen hätte. Dass die Flächen ja ohnehin keine bedrohten Arten beherbergt hätten. Dass man den Paragraphen 4711 der Vorschrift XY eingehalten hätte, und sich somit an geltendes Recht halte. – Was man bei einer Behörde ja auch voraussetzen würde, aber danke nochmal für die ausdrückliche Betonung.

Artensterben leicht gemacht

Ein solches Vorgehen trägt doch erst zum Rückgang von Vogel- und Insektenbeständen bei, drängt viele ihrer Vertreter in Richtung „Roter Liste“ für bedrohte Arten. Denn wo immer weniger Lebensraum vorhanden ist, dort ist auch immer weniger Leben anzutreffen.

Doch es sind nicht nur Bauvorhaben, welche Naturflächen verdrängen und zerstören. Es sind auch sinnlos radikale Rodungsaktionen, wahrscheinlich ausgeführt von den billigsten und stümperhaftesten Unternehmen, die man auf dem Markt finden konnte. Wie hier bei einer Rodungsaktion an einem Graben inmitten der Weinberge Bodenheims.

Kahlschlag
Kahlschlag 2015 in Bodenheim

Das Resultat solcher Arbeit ist nicht nur der Wegfall von ohnehin seltenen Lebensräumen innerhalb der monokulturellen Wüsten. Auch verblieb das gehäckselte Gehölz in dem Graben, wurde durch seinen Lauf fort gespült. Somit hat man beste Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der Graben ein Stück weiter verstopft und bald wieder eine Reinigungsaktion nötig wird. – Natürlich ebenso nach der radikalen Methode eines NATO-Panzermanövers. Hierbei werden regelmäßig die Ufer der Gräben zerstört, ihr Grasbewuchs weicht blanker Erde. Und dreimal darf man raten, wo diese Erde an der Böschung beim nächsten Regenschauer landet: Genau – auch wieder direkt im Bachlauf, die nächste Verstopfung kommt bestimmt…
Es ist immer wieder interessant zu beobachten, wie auf diese Art nicht nur Natur zerstört wird, sondern auch jede Menge Steuergelder den Bach runter gehen. – Und dies im wahrsten Sinne des Wortes.

Dabei könnte es doch sehr viel nachhaltiger zugehen. Man könnte eine Firma beauftragen, die mit Sachverstand und nicht mit Kampfpreisen daherkommt. Sie würde sachkundig pflegen, wodurch weitaus seltener Gräben ausgeputzt werden müssten und so könnte man Geld sparen.
Zerfledderte und unsauber abgesäbelte Hecken und Sträucher in den Weinbergen wirken auch nicht gerade attraktiv auf Touristen, die in Rheinhessen einen Wirtschaftszweig ausmachen. Ihnen würden sicherlich sauber gepflegte Sträucher mit zwitschernden Vögeln, aber auch Blühstreifen oder kleine Wiesen mit Trockenmauern sehr gefallen.
Und nicht zuletzt täten sich auch die Winzer einen Gefallen, wenn sie Nützlinge wie Kohlmeisen, aber auch Florfliegen oder Marienkäfer in der Nähe ihrer Weinstöcke ansiedeln würden. Sie könnten mit ihnen den Schädlingsdruck mildern, vielleicht weniger ihrer Gifte ausbringen, gesündere Produkte verkaufen und dadurch auch noch Geld sparen.

Reste des Paradieses
Reste eines Lebensraumes, der in Bodenheim einem Baugebiet weichen musste…
Ein Gartenschläfer
Der Gartenschläfer ist eines der Opfer dieses Treibens
Ersatzpflanzungen...
Und das sind die besagten Ersatzpflanzungen. Gemeinsamkeit mit dem zerstörten Lebensraum: Die Blätter Bäume werden im Frühling auch einmal grün…

Doch leider ist dies nicht möglich, leider sind Scheuklappen für ein umsichtiges Handeln fehl am Platze. Es ist wie bei der Sache mit dem Wolf: Anstatt den Nutzen zu sehen und sich ein Stück weit an die Lebensweise des Raubtiers anzupassen, stellt man die Risiken und Schäden in den Vordergrund. Dabei wäre doch durch einen effektiven Schutz der Schafherden schon einiges erreicht. Und kommt es dennoch dazu, dass ein Rudel einige Tiere töte, ist das traurig aber auch ein Stück weit Natur. In Ostdeutschland, wo bereits vor zehn Jahren erste Wölfe gesichtet wurden, werden die Schäfer regelmäßig finanziell entschädigt. Und diese Entschädigungszahlungen sind verhältnismäßig gering – im Verhältnis zum natürlichen Nutzen, die der Wolf hat. Im Großen und Ganzen verursachen Wildschweine viel größere Schäden als der Wolf, was ein Blick in Gärten, auf Friedhöfe, in Gemeinden oder sogar Städte offenbart. Hier könnte der Wolf nachhaltig Abhilfe schaffen. Doch wie man bereits in der Landwirtschaft die Nützlinge verdrängt, um dann die Schädlinge vergiften zu müssen, erschießt man eben auch lieber den Wolf, anstatt ihm die Wildschweine zu überlassen.

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