Gehörnte Mauerbiene in Niströhre

Die Ruhe vor dem Summ

Tomaten, Paprika und Zucchini stehen in kleinen Pflanzgefäßen auf meiner Fensterbank. Sie wachsen dem Jahr entgegen, ihrer großen Zeit. Bald, spätestens wenn die Eisheiligen vorüber sind, werden sie auch im Freien wieder ihre Wurzeln in die Erde treiben und leckere Früchte bilden.
Doch werden sie viele Früchte tragen? Wie kann ich sie dazu bringen, dass sie das tun und dass die Ernte gut ausfällt? Ein Blick zu meiner „Butterbeer“ im Garten zeigt die Lösung auf: Durchlöcherte Äste
Nein, es sind nicht die Äste meines Birnbaums, die durchlöchert sind. Vielmehr sind es jene meines Walnussbaums, die ich mit Bohrlöchern verschiedener Größe versehen habe. Und es handelt sich hierbei natürlich auch nicht um die lebendigen Äste, sondern um den Rückschnitt des letzten Jahres.

Er ist es, der neues Leben ermöglicht.
Denn viele Wildbienen sind auf Totholz angewiesen, um dort ihren Nachwuchs abzulegen. Sie nutzen vorhandene Löcher, die Käfer (oder auch Bohrmaschinen) hineingebohrt haben.
In diesen legen die Bienen ein Ei ab, zusammen mit Pollenbrot. Dann verschließen sie das „Gelege“ mit etwas Lehm, es folgt wieder ein Ei und ein Pollenbrot. Je nach Länge des Lochs können so 5-6 Kammern entstehen, in denen der Bienen-Nachwuchs sich vom Ei zur Larve entwickelt, sich dann verpuppt und im nächsten Jahr als fertiges Insekt (Imago) die Niströhre verlässt.
Die Männchen befruchten in dieser nächsten Saison wieder die Weibchen und auch dann beginnen die Weibchen sofort damit, Totholz zu suchen, um dort Eier und Pollenbrot abzulegen.

Wohnungsnot

Es ist ein immerwährender Kreislauf – wenn da nicht die Wohnungsnot wäre.
Denn Totholz gibt es immer seltener. Früher haben Wildbienen beispielsweise in Holzbalken von Häuserfassaden oder Scheunen ihre Nistmöglichkeiten gefunden. Heute ist alles gedämmt, imprägniert oder auf andere Art und Weise nistuntauglich gemacht. Früher gab es Totholzstapel oder abgestorbene Bäume, in denen sie Nistraum fanden. Heute ist das nicht mehr der Fall, die Kulturlandschaften sind aufgeräumt. In monokulturell bewirtschafteten Feldern oder Wäldern gibt es keinen Platz für Totholz.

Das ist verheerend für die Bienen, die so nicht nur mit Umweltgiften und fehlender Blütenvielfalt kämpfen müssen, sondern auch noch mit dem Mangel an Nistmöglichkeiten.
Nicht umsonst gehen die Bestände der bestäubenden Insekten immer mehr zurück.

Kein Apfel ohne Biene

Fehlen die Wildbienen, ist das nicht nur ein Verlust für die ökologische Vielfalt und somit schädlich für die Ökosysteme. Es ist zugleich fatal für den Menschen, der von bestäubenden Insekten direkt abhängig ist. Denn die meisten Kulturpflanzen sind, damit sie Früchte tragen, auf die Insektenbestäubung angewiesen: Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Pflaumen, Mirabellen, Aprikosen, Kirschen, Mandeln, Tomaten, Zucchini, Kürbisse, Paprika, Auberginen, Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Stachelbeeren, Heidelbeeren, Holunder,…
Die Liste ist lang, und die Gesichter werden noch viel länger, wenn die mühsam angebauten, gepflegten Obst- und und Gemüsepflanzen einfach keine Früchte tragen.

Das war bereits vor einigen Jahren ein Grund für mich, eine Wildbienen-Nisthilfe in meinen Garten zu integrieren. Genau genommen ist es eine Wildbienen-Kapelle, die inzwischen intensiv genutzt wird.

Wildbienenkapelle zwischen Birnbaum und Nektarine
Wildbienenkapelle zwischen Birnbaum und Nektarine

Vor kurzem habe ich die verschlossenen Löcher gezählt, und bin auf über sechzig gekommen. – Tendenz steigend! Besonders die „Gehörnte Mauerbiene“ scheint sich hier wohl zu fühlen. Kein Wunder – sie hat schließlich Nist- und Futterstelle nah beieinander.

Von den „Butterbeeren“

Denn in direkter Nachbarschaft dieser „Brutstätte“ befindet sich der besagte Birnbaum „Butterbeer“ und er trug bereits im zweiten Jahr nach seiner Pflanzung erste Früchte. Seitdem hängt er stets voll mit den leckeren Birnen. Im letzten Jahr hingen über dreißig dicke und saftige Früchte daran. Auch dank „Gehörnter Mauerbiene“ & Co., die fleißig Pollen und Nektar gesammelt, und somit kräftig bestäubt hatten.

Auf der anderen Seite der Wildbienen-Kapelle steht ein Nektarinen-Baum und auch der trug letztes Jahr ordentlich.

Brummer im Anflug - Die Gehörnte Mauerbiene
Brummer im Anflug – Die Gehörnte Mauerbiene

In die Einflugschneise der Wildbienen-Kapelle habe ich in diesem Jahr einige getopfte Zwerg-Obstbäume gestellt. Momentan blühen eine Aprikose, sowie ein Weinbergs-Pfirsich und beide sind reich besucht von den „summenden Wilden“. Genauso wie ein Pflanzkübel, den ich mit Frühlingsblühern (Krokusse, Tulpen, Narzissen und Winterlinge) bestückt habe. Und für das spätere Jahr strecken jetzt bereits die Ringelblumen-Pflänzchen ihre Blätter aus der Erde, der Anisysop steht in den Startlöchern, wie auch der Zierlauch und die Mauretanische Malve.

Das Leben einer Mauerbiene

Denn nicht nur von März bis Mai suchen Wildbienen eine Nistmöglichkeit – das ganze Jahr über sind unterschiedliche Arten unterwegs. Allein in Deutschland sind fast 600 Wildbienenarten bekannt, wobei viele von ihnen leider selten geworden sind. Die Vielfalt schwindet extrem.

Wildbienen sind je nach Art von März bis September anzutreffen. Das heißt, wir sehen in dieser Zeit das fertige Insekt. Dabei findet jedoch der Großteil ihres Lebens im Verborgenen statt.

Wildbienen ziehen ein...
Wildbienen ziehen ein…

So treffen wir beispielsweise auf die fertig entwickelte „Gehörnte Mauerbiene“ zwar nur in den Monaten März bis Mai. Bereits im März legen die Weibchen ihre Eier ab, diese entwickeln sich dann ab April zu Larven.
Ab Ende Mai verpuppen sich die Larven, diese Verpuppungsphase ist bis spätestens Ende Juli abgeschlossen.
Den Rest der Zeit verbringt der Nachwuchs vollentwickelt im Kokon. Die Biene überdauert so den Winter und schlüpft je nach Temperatur im März.
Dieser Ablauf setzt jedoch eine Nistmöglichkeit voraus. Und wir können den Tieren eine solche, künstliche angelegte Gelegenheit bieten.

Werde Bienen-Hotelier!

Dabei ist der Bau eines Wildbienenhotels keineswegs kompliziert. Und es gibt verschiedene Materialien, die man einsetzen kann.

So braucht man beispielsweise ein Stück unbehandeltes und möglichst trockenes Holz. Das kann eine zehn Zentimeter lange Astscheibe sein, aber auch ein Stück Balken oder eine entsprechend dicke Holzlatte. In dieses Holz bohrt man nun Löcher in verschiedenem Durchmesser, beginnend mit der Bohrer-Größe „3“ und aufsteigend bis zur Bohrer-Größe „10“. Die Löcher sollten genügend Abstand voneinander haben. Ich habe etwa 0,5 Zentimeter Zwischenraum gelassen, damit das Holz nicht reißt und es einen gewissen Abstand zwischen den Niströhren gibt.
Die Löcher sollten mindestens zwei Zentimeter tief sein, ich verwende jedoch bei zehn Zentimeter langen Astscheiben fast die komplette Bohrer-Länge. Wichtig ist dabei, dass man das Holz nicht komplett durchbohrt. Eine Seite der Röhre muss immer geschlossen sein.
Besonders sollte man auch darauf achten, dass die Löcher sauber gebohrt sind, es also glatte Ränder gibt. In Löcher mit unsauberen Rändern bauen die Bienen ungern und viele werden so nicht angenommen.

Eine weitere Möglichkeit für eine Nisthilfe ist die Nutzung von Schilfstängeln oder dünnen Ästen mit markiger Füllung (beispielsweise Holunder) Diese kann man in eine Konservendose packen und somit den Bienen eine natürliche Nisthilfe bieten.
Doch muss man hierbei einige Punkte beachten:
Die Hölzer und Stängel dürfen nicht gerissen sein. Ansonsten würden sie nicht angenommen oder es könnten Parasiten und Schädlinge in die Röhren eindringen.
Außerdem darf auch hier das Loch im Stängel nicht durchgängig sein. Ein solches würden die Bienen nicht annehmen. Daher mein Tipp: Bei markigen Ästen wie Holunder, einfach am einen Ende die Öffnung mit einem Stück Holz verschließen. Schilf sollte man auf einer Seite direkt unterhalb eines Blattansatzes abschneiden. Dieser ist an der leichten Verdickung des Stängels zu erkennen. Und an diesem „Blatt-Knoten“ ist der Stängel natürlicherweise geschlossen.

Nisthilfe aus Lehm und Schilf
Nisthilfe aus Lehm und Schilf

Für die dritte Möglichkeit, eine Nisthilfe zu bauen, kann man Lehm und lehmhaltige Erde nutzen. Man bringt den Lehm beispielsweise in eine rechteckige Form, und präpariert ihn im feuchten Zustand mit leeren Schneckenhäusern, Schilfstängeln und hohlen Ästchen. Auch kann man einige Löcher hinein bohren. Gebrannt sollte der Lehm nicht sein, sondern nur getrocknet. In ihm werden sich auch mit der Zeit Wildbienen einnisten.

Wichtig bei allen Nisthilfen: Sie sollten möglichst sonnig bis halbschattig installiert werden, und in jedem Fall von der Wetterseite (meistens West) abgewandt sein. Ein kleines Dach über der Nisthilfe ist ebenso ratsam, das sie vor Feuchtigkeit schützt. Denn die verpuppten Tiere können eisige Winter und heiße Sommer gut überstehen. Was sie jedoch nur schwer verkraften sind Feuchtigkeit und damit verbundener Schimmel.

Ökologie = Ökonomie

Eine besondere Idee kam mir bereits im letzten Jahr im Zusammenhang mit dem Schutz vor Feuchtigkeit in den Sinn.
Ich hatte ja die Wildbienenkapelle mit einem Dach versehen, um die Nisthilfen vor Regen und Wetter zu schützen. Warum diesen Schutz nicht noch weiter nutzen?

So säte ich zwei Tomatensorten ein, die sehr gut im Kübel wachsen, und stellte sie unterhalb meiner Wildbienen-Kapelle auf.
Das Ergebnis war eindeutig: Die Pflanzen hingen voll mit Früchten, während die im Tomaten-Beet nur sehr wenig abwarfen.
Und neben der Bestäubungsleistung der fleißigen Wildbienen brachte die Kapelle einen weiteren Vorteil: Das Dach hielt die Tomaten trocken und so erkrankten sie nicht an der ansonsten im letzten Jahr sehr präsenten „Schwarzfäule“.

Ja, sie passt da rein - die Gehörnte Mauerbiene
Ja, sie passt da rein – die Gehörnte Mauerbiene

Für mich zeigen diese Erkenntnisse einmal mehr, wie sehr der Ertrag mit einer intakten Natur im Zusammenhang steht. Und wie eng Ökonomie mit Ökologie interagieren kann. Naturschutz bedeutet somit keinesfalls einen Rückgang an Gewinn und Ertrag. Ganz im Gegenteil: Man kann Hand in Hand mit der Natur wirtschaften und somit hat man einen mächtigen Verbündeten.

In diesem Sinne ist die nächste Wildbienennisthilfe bereits in Planung…

 

 

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