Weise und Weide

Entdeckung einer neuen Welt…

Eine Woche Urlaub im Thüringer Wald… Es gab viel zu entdecken, vieles ist aber auch buchstäblich ins Wasser gefallen. Die Wetterkapriolen haben den einen oder anderen Ausflug in die Natur verhindert.

Sei es der Besuch des Hainich – ein Naturpark, in dem uralte Buchenbestände unter dem Schutz der UNESCO wachsen. Oder auch eine Wanderung durch das Biosphärenreservat Vessertal. Das Wetter war einfach viel zu unbeständig, um eine größere Tour zu planen.

Zwar konnte ich sehr vieles erkunden: Die Wartburg, die Altstadt von Schmalkalden mit ihren Fachwerkhäusern, den Trusen-Wasserfall, das Schützenbergmoor…

Schützenbergmoor
Schützenbergmoor

Das Moor war dabei noch das urtümlichste und faszinierendste Natur-Ziel. Es offenbarte die Schönheit und Besonderheit eines Hochmoores und hat mich darin bestärkt, in meinem Garten auch in Zukunft keine torfhaltige Pflanzerde zu verwenden. Ein wirkliches Naturjuwel, das ich mir im Thüringer Wald erhofft hatte, war dieses relativ kleine Moor jedoch nicht.

Weitab dieser offiziellen Reiseziele entdeckte ich schließlich jedoch eine Welt, die einem Biosphärenreservat oder einem Naturpark in ihrer Schönheit in nichts nachsteht. In einem kleinen Thüringer Dörfchen gelangte ich an einen Feldweg, da ich mich verfahren hatte. Dort standen ein paar Kühe und ich entschloss mich, auszusteigen und mir die Beine zu vertreten. Gegenüber der Kuhweide entdeckte ich dann eine relativ weitläufige Wiese mit vielen blühenden Blumen und Gräsern.

Mein Herz schlug höher, ich schraubte das Makro-Objektiv auf die Kamera und legte los. Erst mit schnellem Schritt, den man sich im Alltag doch irgendwie angewöhnt hat. Dann aber entschleunigte mich diese Welt so sehr, dass ich teils minutenlang vor einer Blüte stand und staunte, was da so alles krabbelte, summte und kroch. Das Fotografieren wurde dadurch schnell zu einer Art meditativen Erfahrung.

Will man etwas wirklich erleben, muss man sich die Zeit nehmen. Und man muss vor allem der Natur die Zeit geben, sich auf einen einzustellen. Denn nicht nur man selbst entdeckt die die Natur – die Natur beobachtet einen ebenso. Und sie lässt erst einen Einblick zu, wenn sie erkennt, dass keine Gefahr vom Besucher ausgeht. Legte ich also zu viel Tempo an den Tag, wurde ich ungeduldig, war der schöne Schmetterling dann eben weggeflattert, hatte sich der Käfer zu Boden fallen lassen. Und ich stand da mit meiner Eile…

Es galt zwangsläufig, einen Gang zurückzuschalten und einfach zu beobachten. Sich selbst zu reduzieren, das Kleine groß werden zu lassen, die sonst oft übersehene Miniaturwelt erleben, eintauchen in diesen Dschungel des Lebens.

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Die Blumenwiese – eine faszinierende Welt

Denn nichts anderes ist eine solche Blumenwiese:

Da spritzen Raubtiere ihren Opfern Gift in den Körper, lähmen sie, wickeln sie in ein klebriges Netz und saugen sie schließlich aus.

Da tarnen sich Tiere, die mehr Ähnlichkeit mit Ästen als mit Insekten haben, und warten auf ihre Flugzeit in der Dämmerung.

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Die Federmotte – eine Falterart

Andere ahmen Raubtiere nach, um sich vor Fraßfeinden zu schützen, sind am Ende aber doch nur ein harmloser Käfer.

Schwerfällig landen große Brummer auf Blüten, stauben dort ab und bestäuben zugleich.

Das Verblüffende dabei ist auch die oftmals symbiotische Beziehung, die es zwischen der Blumenwiese und der Kuhweide gibt: Die Kegelfliege ist beispielsweise abhängig von den Kuhfladen, da sie darin ihre Eier ablegt. Gleiches gilt für den Dungkäfer. Die Kühe wiederum profitieren von der Bestäubungsleistung der vielen Insekten, die ihre Futterpflanzen garantieren. – Vorausgesetzt, der Mensch lässt sie profitieren und mäht nicht einfach alles ab.

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Die Kegelfliege

Denn ganz ehrlich: Solche herrlichen Blumenwiesen werden immer seltener. Und auch die Weidehaltung der Kühe. Die Vielfalt schwindet. Wenn ich mich beispielsweise in Rheinhessen umschaue, wo ich lebe, findet man nur noch sehr selten eine Blumenwiese vor. Auch die Randstreifen an den Feldern werden abgemäht. Wenn, dann blühen zwischen den Rebstöcken nur einheitsmäßig Löwenzahn, Taubnessel und eventuell Pflanzen zur Bodenverbesserung. Aber so eine richtige Blumenwiese mit Lebensraum für Insekten? – Fehlanzeige! Auf öffentlichen Flächen sieht es oft nicht anders aus, ebenso in vielen Gärten.

Gerade heute hatte ich eine Begegnung mit einem Gärtner, der hatte einen Vogel. Und dies sprichwörtlich wie tatsächlich. Akkurat gemähte Rasenflächen, mit Unkrautvernichter abgespritzte Randstreifen, dazwischen ein Klettergerüst für die spielenden Kinder und ein pompöses Häuschen. So sieht sein Garten am Feldrand aus. Und in diesem Garten trug sich folgende Szene zu: Eine Schwarzamsel hatte auf der Rasenfläche offenbar einen Leckerbissen entdeckt und pickte ein wenig in dem kurz gemähten Gras. Dann sah ich einen klatschenden Gärtner, der von seiner Terrasse her gerannt kam, um das „gefiederte Unheil“ aus seinem durchgetrimmten Garten – auch zweites Wohnzimmer genannt – zu vertreiben. Die Amsel flog weg und ich schüttelte den Kopf über diesen Mann, der ganz schön einen „an der Klatsche“ zu haben scheint. Aber dann dachte ich mir, als ich die flüchtende Schwarzamsel sah: Flieg besser weg, ehe du dich mit dem Unkrautvernichter vergiftest und überlass das Gift diesem Spießer. Bei ihm ist es besser aufgehoben…

Dieses Beispiel zeigt jedoch sehr gut: Leider findet man in vielen Gärten noch immer die Devise vor, alles muss genau durchgeplant, „unkrautfrei“ und vor allem frei von jeglichem „Störfaktor“ sein. – Rasenfläche, saubere Ränder, Kinderklettergerüst, Häuschen… – Fertig! Und wehe, es erdreistet sich ein Löwenzahnsamen auch nur den Luftraum zu verletzen, geschweige denn sich nieder zu lassen und zu keimen. Dann öffnen sich für den Gärtner die Pforten der Hölle und er rückt mit schwerem Geschütz an.

Diese Entwicklung ist erschreckend und kurzsichtig zugleich. Denn wir zerstören dadurch nicht nur die Vielfalt, rotten nicht nur immer mehr Insektenarten aus. Wir vermeiden nicht nur Symbiosen, machen die Bienen durch fehlende Blütenvielfalt krank. Vor allem berauben wir uns selbst auch einer wunderschönen Welt, in die es einzutauchen lohnt, die fasziniert, die Ruhe bringt und Entspannung.

So wurde für mich auch diese Blumenwiese am Rande eines thüringer Dörfchens zum absoluten Highlight des Urlaubs. Denn was kann man schon mehr von einem Urlaub erwarten, als das Entdecken einer völlig anderen, neuen, faszinierenden Welt?

Hier noch einige weitere Impressionen…

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Wer beobachtet hier wen?

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