Von den dicken Tomaten

Für mich ist es immer wieder verblüffend, was die Natur so alles hervorbringt nach einem kahlen, lebensfeindlichen Winter. Alles blüht und sprießt nun wieder, das Leben breitet sich förmlich explosionsartig aus. Die Eichhörnchen kämpfen um Revier und Weibchen, die Wildbienen fliegen herum und sammeln Nektar und Pollen. Erste Schmetterlinge flattern umher, die Vögel singen, balzen, bauen Nester, legen Eier und brüten.

Genau in diesem Zusammenhang des Wachstums und des Lebens steht auch mein Nutzgarten. Mir ist es wichtig, dass die Natur hier ihren Platz zum Leben bekommt. Und im Gegenzug wird die Natur dafür sorgen, dass man selbst in diesem Gefüge einen Lebensraum erhält. Einen Raum, um Früchte anzubauen, Ruhe zu tanken und die Schönheit zu bewundern.

Hand in Hand mit der Natur sollte von Anfang an das Motto in meinem Garten sein. Ich möchte meinen Garten symbiotisch mit der Natur verknüpfen und versuche, Jahr für Jahr eine engere Bindung zu schaffen. Und in diesem dieses Jahr wird das Miteinander wahrscheinlich auch wieder viele Früchte tragen.

Das große Summen

Direkt neben meiner „Butterbeer“ – einem Birnbaum, den ich in Spalierform wachsen lasse – habe ich schon vor einiger Zeit eine Wildbienennisthilfe installiert. Links neben dieser Nisthilfe wächst zudem ein Aprikosenbaum und ganz in der Nähe stehen zwei kleine Pfirsichbäume.

Wildbienennisthilfe zwischen den Bäumen
Wildbienennisthilfe zwischen den Bäumen

Kaum wurde es tagsüber im April etwas milder, begannen in diesem Jahr Birne, Aprikose und Pfirsich zu blühen. Mit Sorge blickte ich auf die Blütenpracht, denn nachts war es noch relativ frisch, teilweise sogar mit Temperaturen um den Gefrierpunkt. Das Wetter war auch nicht so toll und so sah ich lange Zeit keine Honigbiene an den Blüten. Ohne Bestäubung konnten die Bäume noch so voller Blüten hängen… – Sie würden keine oder nur sehr wenige Früchte tragen.

Dann jedoch kamen die ersten Wildbienen herbei, schlüpften aus ihrer Nisthilfe und fanden als allererstes direkt nebenan einen reich gedeckten Tisch vor. Auch von anderswo kamen Wildbienen angesummt, flogen von Blüte zu Blüte, um dann direkt im Bienenhotel die Ablage ihrer Eier vorzubereiten. Ein Pollenbrot, ein Ei, eine Lehmwand, wieder ein Pollenbrot mit Ei und erneut einer Lehmwand. – So lange, bis die Löcher sauber verschlossen waren. Bald begannen in der Nähe auch andere Blumen zu blühen, Borretsch, Thymian & Co. öffneten ihr Blütenbuffet, ebenso wie der Flieder. Schließlich konnte man ein reges Treiben an der Nisthilfe beobachten. Und damit auch an den Bäumen drumherum. Eine Tomatenpflanze, die ich selbst eingesät hatte, bildete bereits Anfang April Blüten am Fensterbrett aus und an einem milden Nachmittag stellte ich sie einfach mal nach draußen, direkt unter die Wildbienennisthilfe. Dann holte ich sie wieder rein in die sichere Wärme. Resultat hiervon sind zwei dicke Früchte, die nun Anfang Mai schon an der Pflanzen hängen.

Ein toller Erfolg, der sich letztes Jahr bereits andeutete, als der Birnbaum voller Birnen hing. Und auch dieses Jahr ist der Ansatz von befruchteten Blüten sehr hoch.

Frühe Früchte - Tomate Black Plum
Frühe Früchte – Tomate Black Plum

Eine neue Wildbienennisthilfe ist daher bereits in Planung, ebenso ein kleiner Blühstreifen – beides direkt neben dem überdachten Tomatenbereich, damit auch hier die Bienen kräftig bestäuben und zugleich überleben können.

Gute Nachbarn

Eine ganz andere und verblüffende Art der Kooperation findet zwischen zwei Pflanzen in meinem Garten statt. Ich hatte letztes Jahr einen Zwerg-Weinbergpfirsich in einen Kübel gepflanzt und mangels Platz ein paar Lauchpflanzen in dem Topf untergebracht. Zum Ernten waren sie im Herbst zu klein und so ließ ich sie auch im Winter im Kübel. Sie überstanden das milde Wetter und stehen nun riesig im Topf. Und der Clou dabei: Der Pfirsichbaum ist kerngesund, hat keine gekräuselten Blätter. Ein anderer Pfirsichbaum, der ganz in der Nähe steht, ist dagegen von dem Pilz der Kräuselkrankheit ordentlich befallen. Ich habe bereits, wie geraten wird, die befallenen Blätter entfernt und den Baum mit einem natürlichen Fertigprodukt gegen Pilzkrankheiten zur Pflanzenstärkung besprüht. Daraufhin kam mir jedoch in den Sinn, dass es nicht von ungefähr kommen kann, dass der kleine Pfirsichbaum kein einziges befallenes Blatt hat. Zumal dieser Baum genau dort steht, wo er Sporen vom befallenen Baum am ehesten aufnehmen könnte: Direkt in der Hauptwindrichtung.

Lauch beim Weinbergpfirsich
Lauch beim Weinbergpfirsich

Also habe ich nun den Bereich rund um den Stamm des erkrankten Baumes gelockert, habe Knoblauchzehen gesteckt und Schnittlauch eingesät. Zudem bekommt der Baum nächste Woche noch eine kräftige Ladung eines Auszugs aus Knoblauch und Zwiebeln. Da Knoblauch gegen Pilze wirkt – auch gegen Hautpilze beim Menschen – kann es sicherlich nicht schaden, seine Wirkung auf den Pilz der Kräuselkrankheit zu testen. Der Schwefel der Zwiebel wird ebenso mit Sicherheit einen heilenden Effekt haben, da er gegen Pilzerkrankungen wirkt. Ich werde so versuchen, den Baum vom Akutbefall zu heilen oder ihm zumindest etwas zu helfen. Und durch die Unterbepflanzung mit Knobi und Lauch werde ich vielleicht eine dauerhafte Reduzierung des jährlichen Pilzbefalls erreichen. Dafür spräche auch die Tatsache, dass ein dritter Pfirsich-Baum, unter dem ich bereits letztes Jahr Knoblauch gepflanzt habe, bis auf die Spitzen komplett frei von der Pilzerkrankung ist.

Blick in den Garten – Blick auf die Welt

Wenn ich mir diese beiden Beispiele anschaue, frage ich mich mal wieder, wieso man denn nicht allgemein derart nachhaltige Lösungen einsetzen kann. Warum ist es nicht möglich, auf diese Art im großen Stil die Landwirtschaft der Natur ein Stück weit anzunähern, und sich nicht immer weiter von ihr zu entfernen?

Man hört von konventionellen Anbauern immer die gleichen Argumente: Dass das eh alles nichts helfe. Dass dann alles teurer würde und die Welternährung nicht sichergestellt werden könne.

Und wenn ich das höre, stellen sich mir auch immer die gleichen Fragen:

Wird denn mit Hilfe der konventionellen Landwirtschaft die Welternährung heute sichergestellt? Wenn man das Argument glaubt, dürfte heute kein Mensch mehr hungern. Das Gegenteil ist jedoch der Fall! Und wenn man sich die Ursachen für den Hunger anschaut, so entdeckt man – neben Naturkatastrophen und Kriegszuständen – vor allem eine teuflische Realität:

Der Hunger auf der Welt wird letztlich sogar durch die industrielle Landwirtschaft befeuert!

Sie ist nicht der viel gerühmte Heilsbringer, sondern immer öfter der Auslöser für Hunger und Armut. Es sind riesige Plantagen in Entwicklungsländern, in denen Soja und andere Energiepflanzen für die Industriestaaten wachsen. – Energiepflanzen, die in der Massentierhaltung eingesetzt werden, um immer mehr Fleisch zu produzieren, das immer weniger Wert hat, immer billiger wird und tonnenweise auf dem Müll landet! Und was noch perverser ist: Viele Energiepflanzen landen sogar in den Tanks unserer Autos, in der Energieerzeugung und dienen somit nicht mal mehr der Ernährung.

All dies vor dem Hintergrund, dass die Felder, auf denen diese Energiepflanzen wachsen, zuvor einheimischen Bauern gehörten. Und dass man diese den Menschen abgenommen oder für einen Spottpreis abgekauft hat! Sie können nichts mehr anbauen, leiden Hunger und Not.

Zur Frage, ob die Lebensmittel denn teurer werden, wenn man sie nachhaltig produziert, fällt mir auch immer wieder direkt eine Antwort ein:

Wer rechnet eigentlich die ganzen Kosten mit in den Spottpreis beim Discounter? Kosten, die durch die konventionelle Landwirtschaft und die eingesetzten Gifte entstehen. Dazu gehören Krebserkrankungen, Lebensmittelunverträglichkeiten und andere Gesundheitsschäden, die Belastung der Umwelt mit Giften, das Absterben von Ökosystemen, das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten. Wer schaut sich die Auswirkungen durch die Nitratbelastung unserer Flüsse, Seen und des Grundwassers an, die durch den massenhaften Einsatz von Dünger entsteht?

Und wer rechnet eigentlich mit ein, wie unser Staat es einerseits zulässt, dass Entwicklungsländer und ihre Bewohner ausgebeutet und in die Armut getrieben werden, wie Ackerflächen enteignet und für die Zwecke der Agrarindustrie missbraucht werden? Und als ob es damit nicht genug wäre:

Die EU subventioniert ihre eigenen Landwirtschaftsprodukte, exportiert diese auch in Entwicklungsländer zu einem deutlich niedrigeren Preis, als Bauern in diesen Entwicklungsländern verkraften können.  Somit treibt die EU Landwirte in den Entwicklungsländern wissentlich in den Ruin, damit eigene Produkte vermarktet werden können. Gleichzeitig zahlt sie Entwicklungshilfe, um den Menschen in Entwicklungsländern helfen zu können!

Es ist also eine Art Umverteilung des Geldes. Einerseits ermöglicht man, dass Großkonzerne Entwicklungsländer ausbeuten und dort das schnelle Geld machen können. Dass diese Konzerne mit allen Tricks arbeiten, um keine oder möglichst wenige Steuern auf ihre Gewinne zu zahlen, ist bekannt. Andererseits steckt der Staat Geld in die Entwicklungshilfe, die durch Steuern finanziert wird! Steuern, die der Ottonormalbürger, der sich beim Discounter über den Supersamstag freut, mehrheitlich bezahlt!

Hinzu kommt: Oftmals besteht Entwicklungshilfe heute noch immer darin, Menschen etwas zu Essen zu geben, anstatt ihnen Mittel und Bildung zu gewähren, wodurch sie sich selbst versorgen könnten. Würde man zudem damit aufhören, ihre Märkte mit subventionierter Billigware zu fluten, würde man die regionale Wirtschaft stärken, anstatt sie zu töten.

Matschige Mogelpackung

Ja, wenn ich mir die konventionelle und industrielle Landwirtschaft anschaue, wenn ich mir anhöre, wie zuständige Politiker und Lobbyisten ihr Tun rechtfertigen, kann ich nur noch den Kopf schütteln.

Die konventionelle industrielle Landwirtschaft ist weder der Garant gegen Hunger, noch für niedrige Preise.

Hat diese Art der Industrialisierung erst einmal die Ökosysteme zerstört und alles ausgebeutet, wird das Essen vielmehr knapp werden und die Kosten für Lebensmittel steigen. Außerdem bilden sich durch die Anhäufung von Marktmacht Monopole oder Oligopole, auf Preise für Lebensmittel wird bereits heute an der Börse spekuliert. Die konventionelle und industrielle Landwirtschaft macht uns auf Dauer abhängig und kann dann irgendwann, wenn sie die Konkurrenz gänzlich ausgeschaltet hat, machen was sie will…

Daher darf und kann sie nicht die Zukunft sein!

Es gibt echte Alternativen. Die Erde könnte alle Menschen ernähren.

Ein Blick in den Garten offenbart es eigentlich schon:

Nur ein Miteinander mit der Natur kann letztlich die Lösung sein gegen den Welthunger und für bezahlbare Lebensmittel. Die Natur ist ein mächtiger Verbündeter. Wer sich die Natur zum Freund macht, wer sensibel das Wechselspiel beobachtet, das bereits seit Millionen Jahren für einen funktionierenden „Planeten Erde“ sorgt, der kann Erträge erzielen, die vielleicht nicht ganz an die der ausbeuterischen konventionellen Landwirtschaft heranreichen. Doch nur durch ein Miteinander mit der Natur kann die Menschheit letztlich eine nachhaltige und dauerhafte Versorgung mit Lebensmitteln erreichen .

Irgendwie ist es am Ende auch wie mit der Tomate: Zwar haben die dicken und hochgezüchteten, die überdüngten und einförmigen Früchte mehr Masse. Doch sind sie wässrig, haben kein Aroma, sind wahrscheinlich auch nicht so gesund wie andere Früchte. Sie sind zwar dick und rund – aber bleiben eine matschige Mogelpackung, die viel verspricht und wenig hält!

 

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