Alte Sorten – neue Vielfalt

Bald beginnt wieder die Pflanzsaison. Eigenes Gemüse und Obst aus dem Garten, von dem man weiß, dass es nicht mit Giften belastet ist, schmeckt immer noch am besten und oft auch deutlich aromatischer als das aus dem Supermarkt. Man weiß, dass die Pflanzen nicht in umweltschädlicher Blumenerde aus Torf gewachsen sind, dass sie nicht mit künstlichem Dünger behandelt wurden und daher vielleicht weniger Masse, aber umso mehr Klasse aufzubieten haben. Auch aus Klimaschutzsicht ist der Anbau von Gemüse und Obst im eigenen Garten sinnvoll. Schließlich entfallen dadurch Transportwege, bei denen sonst Treibhausgase entstanden wären. Alles in allem ist also ein Nutzgarten eine sinnvolle Sache.

Vom Standardgemüse

Bau- und Gartenmärkte bieten Tomaten-, Salat- und Gemüsepflanzen; Saatgut von Möhren, Radieschen, Salaten & Co. haben sogar einfache Supermärkte im Sortiment. Schaut man sich die Sorten, die im Handel gewöhnlich angeboten werden, mal genauer an, stößt man in der Regel auf so genannte „F1-Hybriden“. Was zunächst nicht problematisch klingt, entpuppt sich als Problem, wenn man mal versucht, aus den Samen der letzten eigenen Tomatenernte neue Pflanzen zu ziehen. Dies wird nämlich nicht oder nur mit sehr schlechtem Erfolg gelingen. Der Grund hierfür liegt in der Züchtung: Es handelt sich um eine hybride Sorte, die man nicht vermehren kann. Somit bleibt einem nur die Möglichkeit, im nächsten Jahr wieder Pflanzen und neues Saatgut aus dem Supermarkt zu kaufen. Auch das klingt erst mal nicht so dramatisch, da die meisten Menschen ohnehin ihr Saatgut nicht aus der eigenen Ernte gewinnen, sondern es lieber im Handel kaufen. Dramatisch wird die Sache erst, wenn man sich mal anschaut, welche Sorten denn im Handel angeboten werden. Es gibt hunderte, wenn nicht gar tausende von Tomatensorten weltweit. Nur eine kleine Auslese davon bieten die großen Saatguthersteller an. Bei ihnen finden sich Tomatensorten, wie „Black Plum“, „Zitronentraube“, „Marzano“, die „Zahnrad-Tomate“ oder die „Weiße Königin“ nicht im Sortiment. Auch bei anderen Gemüsesorten ist die Auswahl auf jene begrenzt, die als wirtschaftlich und ertragreich gelten, und die die großen Saatguthersteller für ihr Sortiment entwickelt haben.

Dabei haben alte Gemüsesorten viele Vorteile gegenüber den neuen. Oft sind sie aromatischer, sie haben gesündere Inhaltsstoffe, ihre Vielfalt ist größer. Ihre Anpassungsmechanismen an klimatische Bedingungen und Krankheiten sind bereits in den alten Klostergärten des Mittelalters und noch zu früheren Zeiten entstanden. Und man kann sie noch vermehren – aus der eigenen Ernte des Vorjahres eine neue fürs aktuelle Jahr bereiten.

Durch den Anbau von hybriden Sorten sinkt die Nutzpflanzenvielfalt deutlich, gute genetische Eigenschaften gehen verloren und weichen dem Einheitsbrei der großen Saatguthersteller.

Wer den Lebensmittelmarkt kontrolliert, regiert die Welt…

Die größte Frage, die sich mir allgemein beim Anbau von hybriden Sorten stellt, ist die der Marktmacht. Wenn wenige Saatgutkonzerne den Großteil des weltweiten Saatgutmarktes mit nicht vermehrungsfähigen Sorten dominieren, was heute schon der Fall ist, kann einem doch angst und bange werden! Speziell, wenn man sich anschaut, wie diese wenigen Saatgutkonzerne versuchen, vermehrungsfähige Sorten komplett zu verdrängen. Denn sie machen seit Jahren ihren politischen Einfluss geltend und versuchen so, eine neue EU-Saatgutverordnung anzuregen. Der Plan sieht folgendermaßen aus: Eine neue Verordnung soll regeln, welche Obst- und Gemüsesorten auf den europäischen Märkten verkauft werden dürfen, also welche auch in den Supermarktregalen landen. Damit eine Sorte weiterhin kommerziell genutzt werden, also verkauft werden darf, muss diese einen neuen Zulassungsprozess durchlaufen. Dieser kostet immense Summen, die sich die Anbauer alter Sorten gar nicht leisten können. Auf diesem Wege würden die alten Sorten automatisch von den Märkten verdrängt, da sie nicht mehr verkauft werden dürften. Die Forderung der Lobbyisten ging vor einiger Zeit sogar so weit, dass der private Anbau dieser Sorten unmöglich geworden wäre. Glücklicherweise konnte eine solche Saatgutverordnung aufgrund massiver Proteste vorerst gestoppt werden. Doch das Bestreben der großen Konzerne ist weiterhin vorhanden. Kein Wunder – sie möchten die Konkurrenz aus dem Weg räumen und den Saatgutmarkt allein dominieren. Die Folge einer solchen Dominanz wäre, dass die Lebensmittelversorgung in Zukunft von dem Handeln einer Handvoll Konzerne abhängig wäre. Von ihrem hybriden, also nicht vermehrungsfähigen Saatgut, wäre dann ein Großteil der Menschheit abhängig. Man müsste ihre Preise zahlen, ihre Bedingungen erfüllen. Erschreckend, wenn man nun auch noch bedenkt, dass jene Saatguthersteller auch Unkrautvernichtungsmittel vermarkten und gleichzeitig Gemüsesorten auf den Markt bringen, die resistent gegen diese Unkrautvernichter sind. Durch eine Dominanz des Saatgutmarktes könnte ein Konzern auf die Idee kommen, Pflanzen zu züchten, die von bestimmten Chemikalien abhängig wären. Und so bekäme jener Konzern nicht nur das Saatgut an den Mann, sondern auch seine Chemiekeulen.

Lieber samenfest

Jeder Kauf von hybridem Saatgut unterstützt diese Entwicklung, macht abhängig. Daher habe ich schon vor Jahren damit begonnen, alte Sorten anzubauen. Bunte Tomatensorten, leckere Möhrenvielfalt, Salate wie Forellenschluss oder Kopfsalat mit altrosa Spitzen, Erdbeerspinat, Mangold, saftige Weiße Salatgurken oder Mairüben – sie sind eine Bereicherung des Speiseplans und ein Beitrag zur Vielfalt. Und nicht zuletzt, weil vermehrungsfähig, sind diese Sorten ein klarer Widerstand gegen das Bestreben, alles auf der Welt zu kommerzialisieren und die Menschen in die absolute Konsum-Abhängigkeit zu treiben.

5 Gedanken zu “Alte Sorten – neue Vielfalt

  1. Schöner Beitrag! Bei meinen Samen von Drechflegel, kaufe ich meistens nur eine Samentüte. Im nächsten Jahr sammeln ich die Samen dann einfach von den schön gewachsenen Pflanzen ab und sähe sie im darauffolgenden Jahr aus 🙂

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    • Dankeschön! 🙂 Ja, von Dreschflegel kaufe ich auch oft das Saatgut. Und inzwischen vermehre ich schon einen Großteil der Tomaten über das geerntete Saatgut. Auch Möhren, Rote Bete und Broccoli habe ich schon blühen lassen und dann im nächsten Jahr ausgesät.

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      • Das macht auch ganz viel spaß die eigens gesammelten Samen selbst auszusähen und wachsen zu sehen 🙂 ich warte drauf, dass dieses Jahr mein butterkohl blüht 😀

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